Geschichtsfälschung in gebügelten Bluejeans

11. Juni 2009, 18:37

Die Eagles gastierten am Mittwoch in Wien: ein länglicher Nostalgie­abend für alle, die nie im "Hotel California" eingecheckt haben und Bilgeri für einen "Desperado" halten

Wien - Falsche Bescheidenheit oder noble Zurückhaltung gibt es keine. Nicht bei der US-amerikanischen Band Eagles, diesem musizierenden Blockbuster von früher. Nach nur drei Songs Anlauf aus ihrem aktuellen Album spielen sie ihren größten Hit: Hotel California. Bereits beim Ertönen des Horns, das diesen Evergreens einleitet, gibt sich eine fast restlos ausverkaufte Wiener Stadthalle begeistert: "Schatzi, sie spielen unser Lied!" Mit projizierten Bildern aus dem Golden State drückt man zusätzlich auf die Gefühlsorgel: Schunkeln, Bierbechergymnastik über Kopf, Weichzeichner-Erinnerungen an die gute alte Zeit.

Die Eagles in Wien, der Stadt Sigmund Freuds und der Psychoanalyse, das macht Sinn. Schließlich half die Band den US-Amerikanern in den frühen 1970ern beim Verdrängen unangenehmer politischer Tatsachen. Nostalgisch verklärend, patriotisch benannt, mit Kuhbuben-Charme und dem Gründungsmythos verpflichtet, hielten Glenn Frey, Don Henley, Joe Walsh und Randy Meisner den American Dream hoch, während aus Vietnam die Särge mit US-Soldaten eintrudelten. Der Albtraum musste ausgeblendet werden.

Auch wenn Verdrängung keine dauerhafte Lösung verspricht - die Eagles wurden mit ihrem von allen Unebenheiten begradigten Country-Rock eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten. Their Greatest Hits 1971-1975 verkaufte sich weltweit fast 50 Millionen Mal. 1980 trennte man sich unter Beschäftigung ganzer Anwaltskanzleien und schwor, sich erst zu reformieren, wenn die Hölle zugefroren sei. 2007 muss es wieder einmal so weit gewesen sein, die aktuelle Besetzung mit drei Gründungsmitgliedern veröffentlichte Long Road Out Of Eden, damit ist man nun auf Tour.

Während Gleichaltrige im Ruhestand Golf spielen, führen die Eagles also ihre alten Hits auf - ungefähr im Tempo des Rasensports mit dem kleinen Balli. Mit bis zu einem guten Dutzend Musikern ackert man sich behäbig durch das Gesamtwerk sowie ausgesuchte Soloarbeiten von Don Henley oder Joe Walsh. Walsh, der aus der Ferne ein wenig an den Schauspieler Harvey Keitel erinnert, ist der einzige Eagle, dem man noch so etwas wie Showman-Qualitäten nachsagen kann. Ihm sind immerhin Gefühlsregungen anzumerken, wenn er seine Gitarre slide spielt oder soliert. Der Rest der Band besitzt das Charisma gut situierter Wochenend-Tujen-Schneider.

Selbst die wenigen Zwischenansagen wirken wie von der Setlist abgelesen. Aber der Saal will sich bestätigt wissen, und das gelingt der Band allemal. Sie reicht Country-Schmalz wie Peaceful Easy Feeling, träumt sich in The Boys Of Summer eine wilde Jugend zusammen, sülzt sich durch I Can't Tell You Why oder fährt für In The City einen Bläsersatz auf. Da eine Fiddle, dort ein anämischer Synthesizer, hier Szenenapplaus für eingeschlafene Soli.

Nach einem zähen ersten Block und einer Pause geht's in den zähen zweiten, an dessen Ende Desperado steht. Eine Hymne für alle Jeansbügler und aus der Form geratenen Donauinselcowboys, einst gar von Bilgeri gecovert. Dafür können die Eagles nichts, nach fast drei Stunden Vergangenheitsbewältigung und Verdrängungsklassikern ist man restlos überzeugt: Es gibt nichts Echtes im Falschen. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.6.2009)

 

Kommentar posten
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Walter Wolf
03
15.6.2009, 10:54

irgendwie sehe ich hier immer wieder das gleich unsinnige "argument": je alternativer desto besser, je mainstream desto schlecht. bullshit.

es gibt eben menschen, die hören gerne melodiöse musik mit harmonischem gesang. und darin macht den eagles so schnell niemand was vor oder nach. wahrscheinlich sind die leute schon früher auch deshalb eher auf mozarts musik abgefahren als auf die anderer komponisten.

und wer atonales hören will oder alternative, auch fein. jeder findet die musik, die für ihn passt. und die kann jahre später eine ganz andere sein.

Kid "Kongo" Powers
00
15.6.2009, 13:15

Nur ein toter EAGLE ist ein guter Eagle. REW 1976! Und das gilt auch heute noch. Hört euch lieber CCR an, das hat Substanz.... :)

Manfred MacGyver
01
13.6.2009, 13:29
jetzt mal ehrlich...

was jetzt an den eagles eigentlich sooo anders ist als zb an den byrds, buffalo springfield oder auch gram parsons muss man mir erst mal erklären...abgesehen davon dass man die letztgenannten bands mögen darf, die eagles eben nicht! alle genannten künstler haben ebenso seichte wie nicht-seichte songs zu verantworten!
ich mag sie alle und bewundere sie wegen ihres talents...wer sie nicht mag, auch gut! und ebenso wie ein eagles-fan sich eher selten auf ein...and you will know us by the trail of dead-konzert verirren wird, wird es sich andersrum verhalten.
aber der artikel zeigt wieder mal das problem von musikkritik: es gibt einfach nix zu kritisieren, weil irgendwem gefällt die musik immer!

susi strolcher
00
15.6.2009, 16:08
der unterschied

ist die allgegenwärtige zwangsbeglückung. es war in den letzten jahrzehnten eben möglich sich in der öffentlichkeit zu bewegen, ohne mit den byrds zugemüllt zu werden. aber wer von uns kann schon behaupten, er/sie hätte ein ganzes jahr überlebt, ohne hotel california hören zu müssen?

cgau
00
13.6.2009, 16:53
Nachtrag:

Versteh mich nicht falsch:
Es ist für mich absolut OK, wenn Leute auf die Eagles abfahren. Ich kenn Leute, die z. B. auf Peter Alexander abfahren und ich halte das, ohne Zynismus, für absolut OK. Mir sind Leute beim A. lieber, die sich für Musik wirklich begeistern, auch wenns ein PA ist, als Leute, die Musik wie Briefmarken sammeln und wo ich merke, dass ihnen jegliche Begeisterung fehlt. Und vermutlich werden ca 99 % der PA Fans der Meinung sein, dass "ihr" Peter unendlich "besser" ist, als z. B. die Byrds etc (was für diese fans ja auch stimmt).
Aber es gibt schon noch so was wie objektive Kriterien, deswegen stört mich der Eagles-Byrds, BS-Vergleich so. (möchte natürlich nicht die Eagles mit PA vergleichen)

Manfred MacGyver
00
13.6.2009, 17:08

versteh dich schon...und mit dir kann man ja auch gut darüber diskutieren wie´s ausschaut :)

und klar...wenn man objektive kriterien heranzieht haben die byrds und die bees, äh eagles, wenig bis gar nix gemeinsam. ich hab den vergleich halt bewusst allgemein gehalten und in erster linie auf ihr genre bezogen. und da haben die eagles nun mal mehr mit bs gemein als zb mit led zeppelin. die eagles sind halt perfekte handwerker...spielen einwandfrei, können songs schreiben...nur einen spirit wie die "vorgänger" haben sie natürlich nie gehabt, da bin ich voll bei dir...

cgau
00
13.6.2009, 19:46

so weit sind wir ja nicht auseinander :)

cgau
00
13.6.2009, 16:35
uijegerl !

Also die Eagles mit den Byrds bzw den Buffalo Springfield zu vergleichen ist schon sehr gewagt.
Ich hab nix gegen die Eagles, aber sie sind hundertprozentiger mainstream. Die wollten abcashen und haben dies auch sehr erfolgreich gemacht.
Die Byrds bzw die Buffalo waren absolut stilbildende, innovative Gruppen.
Bei den Eagles ist/war niemand, der auch nur ansatzweise an die Klasse eines Gene Clark, Roger McGuinn (Byrds) oder Neil Young (BS)
herangekommen wäre.
Und dann gabs noch Clarence White, St. Stills, David Crosby usw.
Vor x-jahren hab ich die ersten Eaglesplatten durch die best of ersetzt und es nie bereut.
Unvorstellbar, dass ich meine alten Byrds und BSplatten durch best ofs ersetze.

Manfred MacGyver
00
13.6.2009, 17:02

man muss halt auch die die paar jahre die zwischen diesen bands liegen vergleichen...der sound in den 70ern wurde nun mal glatter. und dass die eagles nichts dafür können dass andere bands vor ihnen den country-rock erfunden haben ist auch klar...

meine persönlichen topfavoriten sind die eagles auch nicht...aber man muss sie jetzt auch nicht als kompletten müll darstellen! sie haben eine musikrichtung salonfähig und populär gemacht...nicht mehr und nicht weniger! eben mainstream...wie sie schon sagen.

meinen vergleich find ich trotzdem zulässig...einfach weil sie sich alle in derselben spielrichtung bewegt haben...

Bimmelbommel
02
13.6.2009, 13:10

Wie der Dude es so schön formulierte:

Man .. come on, i hate the fucking eagles.

bloomenthal
00
13.6.2009, 04:05

http://farm3.static.flickr.com/2024/2274... 65.jpg?v=0

absolut geiler baum, im freistand, unbeschnitten.
also nichts gegen die thuja, auf deutsch übrigens: lebensbaum!

PuBär
10
12.6.2009, 23:28

Herr Fluch, lernen Sie bitte die Eagles Geschichte. Folgender Satz ist unrichtig: [...] und dem Gründungsmythos verpflichtet, hielten Glenn Frey, Don Henley, Joe Walsh und Randy Meisner [...].
Joe Walsh war NICHT Gründungsmitglied der Eagles.
Urbesetzung: Frey, Henley, Meisner, Bernie Leadon, später kam als zweiter Gitarrist Donald "Fingers" Felder dazu (kleine Nachhilfe für Sie, Herr Fluch: der hat auch Hotel California komponiert; Text Glenn Frey, der sich die Credits mit Henley teilt).

Kendall Von Tharn
00
15.6.2009, 13:05

ist das nicht ein bißchen viel verlangt?

PuBär
00
15.6.2009, 17:04

Na find ich nicht, lieber Herr Kendall.
Ich halts da mit Wittgenstein: Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen.
Especially, wenn man von der Materie keine oder nur wenig Ahnung hat - das ist der erste PuBär'sche Ergänzungssatz zu Wittgensteins tractatus.

Wilhelm Klösch
12
15.6.2009, 20:00
"dem Gründungsmythos verpflichtet"

bezieht sich eher auf die USA... und nicht auf die Band.

"Was man nicht verstanden hat, darüber sollte man nicht lang und breit posten." (Das stammt zwar nur von mir, aber immerhin habe ich die ersten 22 Jahre meines Lebens in einer Quergasse zur Wittgensteinstraße gewohnt... im Zusammenhang mit einem Eagles-Konzert müsste das als Reputation eigentlich genügen.)

MfG

PuBär
00
16.6.2009, 08:54

Lieber Herr Klösch, da habens was falsch verstanden - bitte den Text genau lesen!

Kendall Von Tharn
01
16.6.2009, 07:38

er hat diese stelle zitiert, eingeleitet mit ...und dem gründungsmythos..., damit der text leicht aufzufinden ist. seine ausführungen haben sich dann auf die gründung der eagles bezogen und die falsche erwähnung von joe walsh.

wie war das verstehen und posten?

Wilhelm Klösch
00
16.6.2009, 10:42
Über eine zwingende Reihenfolge

habe ich ja eh nichts gesagt... danke jedoch für die Erläuterung: somit ist der Groschen verspätet gefallen ;-)

Wittgenstein und Eagles: da macht's schon mal TILT. Auf das Anfetzen mit Philosophen im Kontext von Pop-Musik bin ich generell leider ein bisserl überempfindlich.


Kendall Von Tharn
00
15.6.2009, 18:32

trotzdem wird sich herr fluch nicht ändern, seine artikel waren, sind und werden schlecht recherchiert bleiben (auch wenn ich damit popper widerspreche ;-)).

ach ja, joe walsh bei der james gang, die live scheibe habe ich noch als vinyl...

PuBär
00
16.6.2009, 14:19

ja, dort hat der Walsh das Saufen gelernt, vermute ich mal. Säuft der eigentlich immer noch. Laut Felders Auto-Bio hat er ja damit aufgehört - ausschauen tuts nicht so.

Affe&Affe
20
12.6.2009, 20:36
Bei dem Konzert waren wahrscheinlich eh nur arbeitslose Vokuhilas aus der Großfeld-Siedlung.

struppy granata
14
12.6.2009, 19:49
ich habe sehr gelacht :-)

"Der Rest der Band besitzt das Charisma gut situierter Wochenend-Tujen-Schneider."

vielen dank herr flu

eierwerfer
03
12.6.2009, 17:25
Das beste Forum seit...

dem hier:
http://www.haustechnikdialog.de/Forum/Def... px?t=19886

Nee, ne

schau, schau
00
14.6.2009, 00:42
wahnsinn

wie bitte findet man sowas?

Walter Wolf
10
12.6.2009, 16:01

übrigens: da einen keitel reinzuinterpretieren ist schon ganz großes kino... de niro vielleicht, ja, aber keitel, hallo?/wie schräg ist das denn?/geht´s noch?/...

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