Kürzung der Gelder

Industrie setzt Wifo auf Diät

11. Juni 2009, 18:25
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    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo, Karl Aiginger (re.), hat zwar die Unterstützung von Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl - aber Sponsor Industrie hat den Rotstift angesetzt.

Die Industriellenvereinigung hat dem Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo die Förderungen um mehr als die Hälfte gekürzt

Die Industriellenvereinigung hat dem Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo die Förderungen um mehr als die Hälfte gekürzt. Aussagen von Forschern haben die Industrie angeblich verärgert.

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Wien - Die Industriellenvereinigung (IV) hat mit der Drohung, dem Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo die Förderung zusammenzustreichen, Ernst gemacht. Für 2009 überweist die IV nur 100.000 Euro, im Vorjahr waren es noch 270.000 Euro. Die Industrie argumentiert mit Sparnotwendigkeiten, macht aber auch kein Hehl daraus, dass die Vorschläge einzelner Wirtschaftsforscher einige industrielle Kragen zum Platzen gebracht haben - vor allem jene in Richtung Vermögenszuwachssteuer. IV-Mitglieder stoßen sich daran, dass Wifo-Experte Markus Marterbauer am Wirtschaftsprogramm von SP-Landeshauptmann Franz Voves mitgeschrieben hat; auch Beiträge von Standard-Kolumnistin Margit Schratzenstaller und Finanzmarktkritiker Stephan Schulmeister würden nicht goutiert.

Leitl versucht Vermittlung 

Christoph Leitl, Wirtschaftskammerpräsident und Vorsitzender des Wifo-Vorstandes (das Wifo ist ein gemeinnütziger Verein), versucht zu vermitteln. Demnächst findet ein Gespräch zwischen Wifo-Chef Karl Aiginger und IV-Präsident Veit Sorger statt. "Dass die IV sparen will, kann ihr niemand verwehren", sagt Leitl zum Standard, "aber diese andere Frage muss ausgeredet werden." Er sei "persönlich auch gegen eine Vermögenssteuer, weil sie in Zeiten wie diesen kontraproduktiv ist. Aber als Wifo-Präsident bin ich verpflichtet, die wissenschaftliche Freiheit der Mitarbeiter zu schützen." Im Wifo herrscht der Usus, dass sich wissenschaftliche Mitarbeiter öffentlich zu politischen Themen äußern dürfen, sie müssen aber den Unterschied zwischen Privatmeinung und "Wifo-Meinung" deutlich machen.

An der Entscheidung zur Kürzung wird wohl auch das Aiginger-Sorger-Gespräch nichts mehr ändern können: Die IV hat einen aufrechten Beschluss. Leitl betont, dass das Wifo trotzdem "eine solide Finanzierung hat". Aiginger sagt dazu, dass das Gesamtbudget des Wifo von 12,5 Mio. Euro 2008 wohl auch heuer erreicht werden könne. Problembezogene Auftragsstudien könne man jederzeit bekommen, "doch wir brauchen auch eine Grundlagenfinanzierung" - für Forschungsbereiche, die komplexerer Auswertungen bedürfen, wie etwa eine Studie über das Inflationsphänomen des Jahres 2008.

Das Budget des Wifo betrug im Vorjahr 12,5 Mio. Euro. Der größte Teil vom Gesamtbudget, 3,4 Mio. Euro, kam 2008 via Finanzministerium aus dem Bundesbudget, die Oesterreichische Nationalbank zahlte rund 1,7 Mio. Euro. Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer kommen für rund 600.000 Euro auf (Leitl betont, dass dies auch so bleibt), der ÖGB für rund 550.000 und die Landwirtschaftskammer für rund 100.000 Euro. Die IV gibt heuer mit rund 100.000 Euro in etwa so viel wie die Landwirtschaftskammer im Vorjahr. Dazu kommen noch "Goldene Förderer" wie Banken, Siemens, Hannes Androsch, Verbund, E-Control, Infineon. Ein Drittel des Budgets sind "Drittmittel": Aufträge öffentlicher Stellen und Firmen.

Zum Vergleich: Das zweite größte Wirtschaftsforschungsinstitut, das IHS (Institut für Höhere Studien), rechnet heuer mit 8,9 Mio. Euro. 3,5 Mio. Euro stammen aus angewandter Forschung, 1,6 Mio. vom Wissenschaftsministerium, 1,1 Mio. vom Finanzministerium, 1,4 Mio. Euro von der Notenbank, der Rest von der Stadt Wien und anderen Geldgebern.

Politischer Druck auf Wirtschaftsforscher ist gang und gäbe, hört man von Mitarbeitern beider Institute hinter vorgehaltener Hand. Vor allem in Wahlkampfzeiten werde versucht, Einfluss auf die Darstellung relevanter wissenschaftlicher Ergebnisse zu nehmen - etwa der Konjunkturprognosen, Aussagen zu einem unrealistischen Budgetfahrplan, zur stockenden Verwaltungsreform oder zum einbrechenden Arbeitsmarkt.

Grasser-Attacke 

Den letzten Großangriff auf das Wifo unternahm 2002 der damalige FPÖ-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der einen ihm genehmen neuen Chef installieren sowie beide Institute zu einer Fusion zwingen wollte - aus Effizienzgründen, wie er argumentierte. Dem glühenden Anhänger des damals hippen Neoliberalismus schien das keynesianisch ausgerichtete Wifo ebenfalls als Hort staatsfreundlicher Umtriebe. Grassers Budgets wurden regelmäßig kritisch hinterfragt.

Grassers Chef, der seinerzeitige ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, wollte die Sozialpartnerschaft insgesamt aushebeln, und das Wifo war und ist äußerst sozialpartnerschaftlich orientiert. Sie konnten sich gegen die Sozialpartner in der Wifo-Causa jedoch nicht durchsetzen. Das IHS (in dessen Aufsichtsgremium auch eine Reihe schwarzer, aber auch einige rote Expolitiker sitzen) versteht sich zwar per se als wirtschaftsliberaler als das Wifo, wehrte sich aber auch gegen die damalige allzu enge Umarmung von schwarzblauer Seite. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.6.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 39
1 2
abc9
04
12.6.2009, 17:59
Sehr gut

Ich finde die Aktion der IV gut. Damit outtet sie sich wenigstens und legt ihre Karten auf den Tisch.

Wer keine Gefälligkeitsgutachten schreibt bekommt nichts.

Damit offenbart sich WIEDER einmal die Verlogenheit des gesamten Rating-, Prognosen- und Bewertungsgeschäft.

UHU Sesselkleber
00
13.6.2009, 00:45

Fällt das schon unter Austrofaschismus oder wie nennt sich das heute?

Der auf der Nudelsuppen dahergschwommen is
 
01
12.6.2009, 18:34
naja,

für mich hat sich die iv schon zu genüge geoutet...

manderl
02
12.6.2009, 16:32
IV-PR

Wenn Sorger nur veröffentlicht haben will, was er ihm genehm ist, dann sollte er PR-Büro beauftragen. Das würde ihm wahrscheinlich raten, dass er eine wissenschaftlichen Institution besser nicht aufgrund mangelnder Käuflichkeit sanktionieren sollte. Für das öffentliche Ansehen und die Seriosität der IV heißt das nämlich nichts Gutes.

also dann ...
00
12.6.2009, 16:27
wie entlarvend... und dumm ! die IV... hat ihre bürgerliche klein-geistigkeit... bewiesen - gratuliere !

jaja...
dem st.zahler mit mrd (!) haftungen zuleibe zu rücken - ohne scham - und umgehend ein paar netsch... zu stornieren...
zeigt die "stifterl-fratze"... dieser institution auf.

der schuss... gehr ja nur nach hinten los, denn
- damit sind die gefälligkeits-GUT-achten...
des un-abhängignen (?) ihs/felderer... auch in anderem licht zu sehen ...
- und zum 2. offenbart die IV ihr "heuchlerisches
trittbrettfahrertum" . . .

kreisky...hätte
solche typen wohl mit "würschteln"...tituliert !

Nashwin_Fuller
 
10
12.6.2009, 16:23
Worüber sich die Leute alles aufregen können...


Die IV ist ein privater Verein und kann als solcher mit seinem Geld bzw. dem Geld seiner Mitglieder tun was er will bzw. jene wollen.

Und dass der Industrie, die anti-liberalen Ideologen, die im Wifo den Ton anzugeben scheinen, nicht wirklich begeistern, überrascht mich jetzt auch wieder nicht.

UHU Sesselkleber
10
13.6.2009, 00:51

Die reichsten Manager des Landes, mit den höchsten Gehältern, Boifikationen uind Abfertigungen haben doch, seit sie von zu viel Geld verseucht wurden, keinerlei soziale Verantwortung mehr für Mitarbeiter, Menschen, Sklaven und derlei niederem Gewürm. Oder wie meinen Sie das?

schimst
 
04
12.6.2009, 15:12
Offener Brief, Teil IV

Abschließend möchte ich an Sie beide appellieren, sich dafür einzusetzen, dass solche wissenschaftsfeindlichen Maßnahmen in Zukunft nicht mehr geschehen, damit unabhängige Forscher/innen weiterhin unabhängig bleiben und sich nicht vor der Finanzkeule des österreichischen Lobbyismus fürchten müssen.

Mit freundlichen Grüßen,
Stefan Schiman

schimst
 
04
12.6.2009, 15:12
Offener Brief, Teil III

Ihnen, Herr Sorger, unterstelle ich wenig Originalität: Gleich mit dem finanziellen Vorschlaghammer zu kommen, nur weil Wissenschaftler/innen heraus gefunden haben, dass auch für Österreich gilt, was für den Rest der Welt zutrifft - etwa dass ein Mindestmaß an Vermögensbesteuerung (und eine damit einhergehende Entlastung von Arbeit) effizienzfördernd ist - ist wenig kreativ. Vielmehr wirkt es ängstlich. Woher kommt diese Nervosität darüber, was objektive Forschung zu Tage fördert?

rompitasche
30
12.6.2009, 15:12
vielleicht SOLLTEN Wifo und IHS ja objektiv sein

, zu beobachten ist aber, dass das IHS oft wie eine Vorfeldorganistion der VP, das Wifo wie eine von SP/ÖGB agiert.

Aus diesem Grunde finde ich es begreiflich, dass die IV den Hund, der sie beißt, nicht füttern will.

UHU Sesselkleber
00
13.6.2009, 00:59

Industriearbeiter, welche nun durch die Krise arbeitslos wurden oder noch werden sind also "Hunde". Sehr aufschlussreich! Ich dachte mir, dass ein solches Denken dahintersteckt. Gut, dass Sie es so deutlich machen!
Den abmontierten Wirtschaftsforschern ginge es jetzt nämlich darum diese Menschen und ihre Familien nicht einfach nur vor die Hunde gehen zu lassen.

Wählen Sie ÖVP oder FPÖ?

schimst
 
13
12.6.2009, 15:11
Offener Brief, Teil II

Die unverblümte Begründung der IV, die Sparmaßnahmen erfolgen nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus politischen Gründen, lässt mich jedoch hoffen für das IHS: Wo Aiginger, Schratzenstaller und Co. ihren Output unkaschiert in die Öffentlichkeit tragen, unterziehen Sie, Herr Felderer, Ihre Vorschläge offensichtlich einer strengeren „Umweltverträglichkeitsprüfung“.

schimst
 
03
12.6.2009, 15:10
Offener Brief, Teil I

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Felderer, sehr geehrter Herr Präsident Dr. Sorger,

Als ehemaliger Student des IHS kann ich davon berichten, dass an Ihrem Institut, Herr Felderer, nicht nur ausgezeichnete, unabhängige Forschung stattfindet, sondern dass darüber hinaus ein anspruchsvoller, in Österreich einzigartiger Studiengang für Nachwuchsökonom/innen angeboten wird. Aus jüngstem Anlass, namentlich der Kürzung der IV-Unterstützung des WIFOs von jährlich 270.000.- auf 100.000.-, wachsen meine Sorgen um diese wertvollen Leistungen Ihres Instituts und ich frage Sie daher: In welchem Ausmaß ist Ihr Institut von den Sparmaßnahmen der IV betroffen?

faust
01
12.6.2009, 14:45

schon komisch... der dritte zwerg von links bei den grünen mit seinem macho-gesudere ist über 300 postings wert, aber wenn die iv wegen unangenehmen äußerungen das wifo fallen lässt, lockt das niemanden hinter dem ofen hervor

Strom
00
13.6.2009, 01:13

Es ist eben für starke, männliche Poster einfacher auf schwangere Sozial-Politikerinnen oder kleine Arigonas loszugehen, die sich nicht wehren können.
Aber diese skandalösen Tabubrüche der ÖIAG muss man sozial- und demokratiepolitisch nicht höchst kritikwürdig und bedenklich finden.

Diese starken Männer brauchen auch kein Gewissen mehr, die haben doch immer noch das As FPÖ im Ärmel!

Knut Ogris
01
12.6.2009, 14:42
Der F adept Sorger Veit - na ja man weiss ja was man da von zu halten hat!

Adam Markus
01
12.6.2009, 14:21

in Staatsgrundgesetzt 1867 steht meiner Meinung nach "Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei"

Von diesem Ideal haben wir uns wohl ziemlich weit entfernt, wenn schon Raiffeisen und IV vorgeben können, was eigentlich wissenschaftlich ist und was nicht.

Hans Vogel
40
12.6.2009, 13:47
Forscht lieber nach was seriösem

wie Technik oder vor allem Medizin.
Horoskope erstellen, können die Tageszeitungen und Boulevardblätter, auch ohne Subventionen.

Strom
00
13.6.2009, 01:14

Die ÖVP-Kampfposter waren auch schon mal phantasievoller! Was bezahlt denn die ÖIAG pro Posting?

little frog
00
12.6.2009, 10:24

das IHS war halt devoter.
All jenen ins Stammbuch, die auf mehr Sponsoring und Industriemittel in der Forschung und Wissenschaft plädieren...

No Na
03
12.6.2009, 10:07
die iv

wie sie leibt und lebt
hat sich von ihren guten "ausgewogenen" zeiten wie seinerzeit unter krejci so weit entfernt, dass nur mehr egomanen das sagen haben

Bayerischer-Piefke
03
12.6.2009, 08:05
Wertigkeit

Schon interessant, daß der IV die Unterstützung eines kompletten Forschungsinstituts in etwa das gleiche wert war, wie die Unterstützung der Homepage des größten Finanzministers aller Zeiten, Karl-Heinz Kassa.

Bertel Mann
01
12.6.2009, 10:40
Was hat ihr wohl mehr gebracht?

Posten macht Spaß
08
12.6.2009, 07:06
S c h w e i n e

lessismore
01
12.6.2009, 00:30

Ich dachte immer, "König Ubu" ist übertrieben.

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