Experte sieht Bankenkrise bei langer Rezession

11. Juni 2009, 15:45
17 Postings

Falls der Aufschwung länger als angenommen auf sich warten lässt, sind neue Turbulenzen im Finanzsektor wahrscheinlich

London/Berlin/Peking - Bei einer langwierigen Rezession droht der europäischen Finanzbranche EZB-Experten zufolge eine neue Bankenkrise. Falls der Aufschwung länger als angenommen auf sich warten lasse, seien neue Turbulenzen im Finanzsektor wahrscheinlich, sagte der EZB-Finanzstabilitätsexperte Dejan Krusec laut "Daily Telegraph". "Das Problem ist nicht 2009. Die Banken in der Euro-Zone sind ausreichend kapitalisiert, um Verluste abzudecken. Das Problem ist 2010", warnte Krusec auf einer Konferenz von Fitch Ratings am Mittwoch.

Auch auf dem EU-Gipfel nächste Woche wird das Thema ganz oben auf der Agenda stehen: Die Banken müssen nach Einschätzung der EU-Länder noch stärker staatlich unterstützt werden. Trotz massiver Hilfen und Kapitalspritzen stehe der Sektor weiter unter großem Druck, heißt es in einem Gipfelentwurf.

Die Finanzbranche erwartet für kommendes Jahr zwar eine leichte Erholung der Weltwirtschaft, bleibt jedoch wegen möglicher Risiken auf der Hut: "Trotz einiger zuversichtlich stimmender Nachrichten ist der Finanzbranche insgesamt sehr bewusst, dass wir weiter vor Herausforderungen stehen", sagte der Präsident der Internationalen Bankenvereinigung IIF, Josef Ackermann am Donnerstag in Peking.

Die Branche richtet ihre Hoffnungen auf einen großen Beitrag der Schwellenländer zur globalen Erholung im nächsten Jahr. Für dieses Jahr sieht die IIF in dieser Hinsicht jedoch schwarz: Sie rechnet mit einem dramatischen Rückgang der Nettokapitalströme in die Staatengruppe um Brasilien, Indien und Russland.

Düster sieht es derzeit noch im Finanzsektor vieler osteuropäischer Staaten aus. Ein Schlaglicht auf die brisante Lage wirft das von der Rezession besonders hart getroffene Lettland. Die Balten hatten die Europäische Union zuletzt zu schnellen Hilfen im Kampf gegen ihre akute Währungskrise aufgefordert. Sollte es zu einer Abwertung der Landeswährung Lat zum Euro kommen, würde dies zum Beispiel auch Banken in Schweden hart treffen, die zu den wichtigsten Kreditgebern gehören.

Warnung vor Rückschlägen

Auch EZB-Spitzenbanker Yves Mersch hatte jüngst vor Rückschlägen für das Bankwesen gewarnt und damit das vorsichtige Szenario der Notenbank verteidigt, die erst Mitte nächsten Jahres mit einer Konjunkturwende rechnet. Nach Auffassung des Rats der Europäischen Zentralbank sind die Risiken für den Wirtschaftsausblick ausgewogen. Gefahren drohten jedoch, falls sich Turbulenzen an den Finanzmärkten stärker auf die Realwirtschaft auswirkten.

Auch das Institut für Weltwirtschaft (IfW) sieht das Risiko, dass sich die Lage im Bankensektor verschärfen könnte. Der Abschreibungsbedarf werde sich im Verlauf der Rezession voraussichtlich noch erhöhen, zumal die Zahl der Firmenpleiten wohl weiter steigen werde. "Umso wichtiger ist es, dass die Rekapitalisierung der Banken schnell vorankommt", mahnten die Kieler Wirtschaftsforscher.

Sie sehen dabei den Plan der Bundesregierung zur Einführung sogenannter Bad Banks als Schritt in die richtige Richtung. Über diese Auffanggesellschaften können die Institute Papiere auslagern, die derzeit in ihren Büchern zu Abschreibungen führen. Allerdings müssen die Geldhäuser die Kosten für eine Nutzung der vom Staat unterstützen Bad Banks über 20 Jahre hinweg aus ihrer Dividende abstottern. Das IfW sieht diese Bedingung skeptisch und spricht von einem "Damoklesschwert von Belastungen".

Umbau der Finanzbranche

Der Umbau der weltweiten Finanzbranche als Konsequenz der Krise ist nach Ansicht von Deutsche-Bank-Chef Ackermann indes noch lange nicht beendet. "Es gibt noch eine Menge zu tun", sagte Ackermann in Peking. Obwohl es einige ermutigende Nachrichten gebe, sei sich die Finanzindustrie sehr bewusst, "dass wir weiterhin gewaltigen Herausforderungen gegenüberstehen: Vertrauen wiederherzustellen, unsere Institute zu stärken und sicherzustellen, dass sie wirksam dazu beitragen, neue Arbeitsplätze in unseren Volkswirtschaften zu schaffen".

Viele Institute hätten jedoch bereits entscheidende Lehren aus der Krise gezogen und etwa ihr Risikomanagement verbessert. Die Branche sei dabei, "weitreichende Reformen umzusetzen", sagte Ackermann. Ziel sei nicht nur kurzfristige Verbesserung, sondern auch das Vorbeugen künftiger Krisen. So hatte das Institute of International Finance (IIF/Washington), dem mehr als 370 führende Kreditinstitute weltweit angehören, zum Beispiel ein übergeordnetes Expertengremium ("Market Monitoring Group") etabliert, das die Märkte überwachen und den Banken Hinweise auf aktuelle und künftige Risiken geben soll. "Unser Ziel ist, ein Frühwarnsystem zu entwickeln und so dazu beizutragen, die Stabilität des globalen Finanzsystems zu stärken", sagte Ackermann.

Die derzeit diskutierte Reform der weltweiten Aufsicht dürfe nicht übers Ziel hinausschießen, mahnte Ackermann. Die regulatorischen Vorgaben dürften nicht die Möglichkeit zu Innovationen untergraben. (APA/Reuters/dpa)

Share if you care.