
"Alteration2" - Selbstporträt und Teil einer 16-teiligen Serie von gemäldeartigen Fotos von Igor Makarevich, die zwischen Gemälden im Kunsthistorischen Museum in Wien hängen.
Nikolai Borisov, Buchhalter in Moskau, hatte seine Mitmenschen in der Sowjetunion so satt, dass er eine Affinität zu Bäumen entwickelte und schließlich selbst zu einem Stück Holz werden wollte.
Olga Lepeschinskaja andererseits, Biologin, war ihren bolschewikischen Idealen so sehr ergeben, dass sie im Bestreben, das Leben der Proletarier zu verlängern, zu alchemistischen Methoden griff.
Borisov ist eine Erfindung. Lepeschinskaja hat wirklich gelebt. Und beide sind Teil eines Ausstellungsprojekts von Elena Elagina und Igor Makarevich im Kunsthistorischen Museum. Im Dialog mit Gemälden aus dem 16. Jahrhundert haben die russischen Künstler ihre Konzepte in Installationen verwandelt. Des Buchhalters Auseinandersetzung mit der Materie ist in (fiktiven) Skizzen und Eintragungen unter Glas einzusehen; eine Art Folterbett - Holzkeile sollen den darauf Liegenden durchdringen - kontrastiert mit einem Madonnenbild von van Dyck. Die leninistische Biologin wird ihrerseits in Form von merkwürdigen Instrumenten dargestellt; Zeichentafeln und Würfel wecken kabbalistische, freimaurerische Assoziationen.
Von "multimedialen Skulpturen" besonderer Art spricht Boris Manner, der die Ausstellung kuratiert hat: "Hier werden zusätzliche Bedeutungsebenen wach, vorhandene Erzählungen schaffen neue." Es seien archäologische Untersuchungen, sekundieren Elagina und Makarevich, "die auf Verdrängtes zurückgreifen". 1949 bzw. 1943 geboren, hatten sie als nonkonformistische, entsprechend wenig beachtete Künstler in Russland gearbeitet, bevor sie ihre hyperrealen Kunsträume in größerem Maßstab verwirklichen konnten.
Das Museum bietet den beiden Künstler eine kongeniale Spielfläche. Vom "homo lignum" und vom zauberischen "splendor solis" ist die Rede, insgesamt sind die Interventionen vor Ort mit "in situ" überschrieben. Ein Glücksfall ist die Live-Begegnung von Makarevichs "Pilzturm" mit Bruegels "Turmbau zu Babel". Das Gemälde hatte ihn schon fasziniert, bevor die Kooperation mit dem KHM ins Haus stand: "Es bedeutet die Grenzen des Machbaren." Seit 2003 arbeitet er an einer halluzinatorischen Unterwanderung des Themas. Sein Turm steht auf einem Fliegenpilz, seine Chance, den Himmel zu erreichen, liegen realiter ebenso niedrig wie die eines Turmprojekts von 1919 in Moskau: typisch russische, "himmlische" Kunst, meint Makarevich, möglicherweise nicht ganz ernst. (mf/ DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.6.2009)
Bis 2. August im KHM.
www.khm.at
www.safmuseum.org
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