"Bahai sind keine Bedrohung"

12. Juni 2009, 10:59
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Etwa 1.200 Mitglieder der Bahai-Kirche leben in Österreich, in ihrem Ursprungsland Iran werden Bahai seit Jahrzehnten verfolgt - Ein derStandard.at-Besuch im Wiener Gemeindezentrum

"In der Zeit der Hippies waren wir alle irgendwie Suchende", sagt Ottilie Käfer und lächelt. Es war 1968 im schweizerischen Tessin, als die Burgenlandkroatin fand, wonach sie suchte. Während die Götzen ihrer Altersgenossen Hendrix, Mao oder Dutschke hießen, war es ein Perser namens Mirza Husayn Ali Nuri, der Käfers Leben für immer veränderte. Der 1892 im Exil verstorbene Nuri, besser bekannt als Bahaullah, gilt Käfer und etwas mehr als 1.200 anderen Österreichern als Verkünder der göttlichen Botschaft. Die von ihm gegründete Bahai-Religion war ursprünglich eine Abspaltung vom schiitischen Islam und gilt heute gemeinhin als eigenständige Religion. Ottilie Käfer war hin und weg. "Am meisten hat mich daran fasziniert, dass es bei den Bahai als oberster Grundsatz gilt, auch zu tun, wovon man spricht." Im Ursprungsland Iran, wo bis heute 300.000 der geschätzt fünf Millionen Bahai leben, wird die größte nicht-muslimische Minderheit des Landes seit Jahrzehnten unterdrückt.

Vierzig Jahre später sitzt Ottilie Käfer im Besprechungszimmer der Wiener Bahai-Gemeinde in einem unscheinbaren Gründerzeitbau in Gersthof und tut, was eine Pressesprecherin tun muss. "Kaum jemand in Österreich weiß, wer die Bahai eigentlich sind. Viele glauben, dass wir irgendetwas mit dem Islam oder dem Judentum zu tun haben, dabei gilt das Bahaitum als eigenständige Religion." Was es mit dem exotischen Glauben auf sich hat, versucht Käfers Mann Alex, Ex-APA-Journalist, studierter Arabist und seit 1960 Mitglied der Bahai-Gemeinde, zu erklären: "Alle Religionen entstammen für die Bahai dem selben göttlichen Ursprung. Es geht um die Einheit der Menschheit in all ihrer Vielfalt."

Bekenntnis statt Taufe

Fünf Millionen Anhänger gibt es laut Schätzung in fast 200 Ländern der Erde, die meisten davon in Indien, Afrika und Südamerika. Die Schriften der Bahai, allen voran jene von Religionsgründer Bahaullah und seinem Zeitgenossen Bab, wurden in 800 Sprachen übersetzt. Siebzig Prozent der Mitglieder hierzulande, schätzt Käfer, sind erst im Laufe ihres Lebens vom christlichen Glauben zum Bahaitum übergetreten. Getauft wird man zu diesem Zweck nicht, es reicht die förmliche "Anerkennung Bahaullahs als Gottesoffenbarer für dieses Zeitalter und das Bekenntnis zu den von ihm geoffenbarten Lehren und Prinzipien", wie es auf der Homepage der Gemeinde heißt. Anders ausgedrückt: Bahai schließen nicht aus, dass es irgendwann einen neuen Botschafter Gottes geben könnte.

Wenn Bahai beten, wenden sie ihr Gesicht in Richtung Akkon, einer Stadt an der Küste des heutigen Israel, in dem Religionsgründer Bahaullah begraben liegt. Die meisten heiligen Orte der Bahai liegen in Israel, das Bahai World Centre mit dem Bahai-Garten in Haifa nahe Tel Aviv ist ihr spirituelles Zentrum. Die Bahai International Community (BIC) ist als NGO organisiert und vertritt die Mitglieder der Kirche nach Außen. Seit 1948 hat die BIC den Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen inne und betreibt in UN-Gremien Lobbyarbeit. In unregelmäßigen Abständen schickt auch die Wiener Bahai-Gemeinde Appelle an die Weltgemeinschaft aus, um auf Verhaftungen von Bahai im Iran aufmerksam zu machen.

Geistige Räte

Dass Ottilie Käfer und ihr Mann für Repräsentanten einer religiösen Gruppe erstaunlich wenig entrückt wirken, ist vielleicht auch in der pragmatisch organisierten Struktur der Bahai begründet. Mangels Klerus gibt es keine Predigten und auch keine Kirchen. So wie die meisten Religionen gebrauchen auch die Bahai einen eigenen Kalender, der sich aus 19 Monaten zu je 19 Tagen zusammensetzt. Alle 19 Tage trifft sich die Wiener Gemeinde im Zentrum an der Thimiggasse, der aus den Reihen der Mitglieder gewählte Geistige Rat verwaltet und leitet die Angelegenheiten der etwa 250 Wiener Bahai. Kirchensteuer kennen die Bahai nicht.

Die Wiener Gemeinde wurde schon 1911 gegründet, 1998 wurden die Bahai als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt. Als "Sekte" wollen sich die Bahai nicht gerne bezeichnen lassen, "das ist ja auch ein politischer Begriff, den zum Beispiel die iranische Regierung verwendet, um die Bahai zu diskreditieren", sagt Ottilie Käfer. "Auch das Christentum wurde noch im zweiten Jahrhundert nach Christus als jüdische Sekte bezeichnet", wirft Alex Käfer ein, der ein Standardwerk über die Geschichte der österreichischen Bahai geschrieben hat.

Was nicht bedeutet, dass man keine gemeinsamen Ursprünge habe: "So wie das Christentum Wurzeln im Judentum hat, haben wir Bahai unsere Wurzeln im Islam". In vielerlei Hinsicht habe sich die Lehre der Bahai außerdem als visionär erwiesen. Zum Beispiel in der früheren Weigerung von Bahai-Frauen, sich an die islamischen Kleidungsvorschriften zu halten, etwa das Tragen eines Kopftuchs.

1844 sagten sich die persischen Bahai von der Scharia-Gesetzgebung los. Für strenggläubige Muslime, deren einziger Prophet Mohammed heißt, ein Frevel. Immer wieder versucht die Wiener Bahai-Gemeinde zusammen mit Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International auf die Verfolgung der etwa 300.000 iranischen Bahai durch das Teheraner Mullahregime aufmerksam zu machen. "Die Verfolgung hat aber nicht erst mit der Islamischen Revolution 1979 begonnen", sagt Ottilie Käfer. "Erst hat man die Bahai als Agenten der Engländer bezeichnet, dann als Spione Amerikas und jetzt als Handlanger Israels."

Was sich die Wiener Bahai von der Präsidentschaftswahl im Iran erwarten? "Dass die Regierung endlich erkennt, dass es sich bei den Bahai nicht um eine Bedrohung des Staates handelt, sondern um eine Minderheit, der die selben Rechte zusteht wie jedem anderen iranischen Staatsbürger. In der Bevölkerung wird das immer mehr Menschen klar und es gibt die Hoffnung, dass ihre Stimme zu den Regierenden vordringt." (flon/derStandard.at, 11.6.2009)

  • Ottilie Käfer im Versammlungsraum der Bahai in Wien-Gersthof.
    foto: derstandard.at

    Ottilie Käfer im Versammlungsraum der Bahai in Wien-Gersthof.

  • "O Herrlichkeit des Allherrlichen", übersetzt Alex Käfer die Kalligraphie der Bahai.
    foto: derstandard.at

    "O Herrlichkeit des Allherrlichen", übersetzt Alex Käfer die Kalligraphie der Bahai.

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    foto: derstandard.at
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