Jürgen Gosch 1943-2009

11. Juni 2009, 14:22
6 Postings

Der deutsche Theaterregisseur, berühmt als als großer, spröder Unzeitgemäßer, erlag 65-jährig in Berlin seinem Krebsleiden

Berlin - In Jürgen Goschs allerbesten Theaterinszenierungen durfte man als Zuschauer den Eindruck gewinnen, einem seltsam unfertigen Probengeschehen beizuwohnen. Ehe das Spiel begann, nahmen Goschs Schauspieler in der ersten Reihe fußfrei Platz. Die zumeist von Bühnenbildner Johannes Schütz errichteten Guckkästen schienen auf mysteriöse Weise durchlässig. Sie entblößten unvollständige Landschaften, einzig zu dem Zweck geschaffen, von den Darstellern wie auf Durchreise in Besitz genommen zu werden. Gosch-Figuren waren und sind Stiefkinder des Lebens und als solche Untermieter auf Zeit; sie operieren scheinbar spontan und wirken daher häufig ungeschützt, unkunstfertig, undurchschaubar.

Goschs Stärke war es daher auch nicht, einen "Personalstil" entwickelt zu haben. Der aus Cottbus stammende Künstler, der als Schauspieler begonnen hatte und Ende der 1970er-Jahre in die Bundesrepublik Deutschland übersiedelt war, stand von Anfang an im Widerspruch zu den politischen Verlautbarungsgebärden seiner inszenierenden Zeitgenossen. Er entwickelte mythisch anmutende Rituale: Menschen wie Ulrich Wildgrubers Ödipus (1985 in Köln), versteckt hinter einer Riesenmaske des Bühnenkünstlers Axel Manthey, opponierten lautstark gegen das über sie verhängte Schicksal.

Goschs Ruhm als großer, spröder Unzeitgemäßer wuchs rasch an. Als er 1988 als Nachfolger Luc Bondys in das Leitungsteam der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz eintrat, schien der Gipfel erstürmt. Es folgte ein interessant missglückter Macbeth - und ein beispielloses Verrissgewitter, dem der Hochsensible insofern nachgab, als er seine Berliner Funktion 1989 schon wieder niederlegte. Jürgen Gosch, der höfliche, bürgerliche Grübler, der mit seinen Schauspielern stets per Sie verkehrte, unternahm neue Anläufe; punktete zum Beispiel mit Handke (Die Stunde da wir nichts voneinander wussten, 1993 in Bochum) und renovierte mit zähem Fleiß den ruinierten Leumund.

Zuletzt - die Nachricht von Goschs lebensgefährlicher Erkrankung hatte schon die Runde gemacht - war Jügen Goschs eminente Kunst der Wirklichkeitsverdichtung längst außer Streit gestellt. Seine Albee- und Tschechow-Inszenierungen am Berliner Deutschen Theater (Onkel Wanja gastierte soeben bei den Wiener Festwochen) waren Hochämter der Schauspielkunst. Schauspielerstars wie Corinna Harfouch und Ulrich Matthes, Ernst Stötzner und Jens Harzer vertrauten sich Gosch mit Haut und Haaren an und warteten zur Belohnung mit Spitzenleistungen an innerer Wahrhaftigkeit auf.

Gosch vermochte freilich auch jederzeit zu irritieren: Sein Düsseldorfer Macbeth-Remake versammelte eine Horde Nackter, die mit Blut um sich schmiss. Seine Inszenierung von Gorkis Nachtasyl (2006) am Hamburger Schauspielhaus verweigerte jedes "Mitleiden" mit einem Rudel verarmter, lungenkranker Egomanen. Gosch war kein Besänftiger, aber er huldigte der Präzision. Er war nicht autoritär, sondern aufrichtig und daher vertrauenswürdig.

Zuletzt war krankheitsbedingt der Plan gescheitert, Gosch die beiden Teile von Goethes Faust an der Wiener Burg inszenieren zu lassen. Die Salzburger Festspiele werden nun überlegen müssen, was sie mit Euripides' Bakchen ohne Gosch heuer anfangen. Doch der Verlust wiegt nicht nur aktuell schwer - er betrifft das allmähliche Verlöschen einer skeptischen, kompromisslosen Theaterkünstlergeneration. Ihr gehörte Jürgen Gosch, der anthroposophisch beschlagene Grübler, an exponierter Stelle an. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.6.2009)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein nachdenklicher Grübler: der große deutsche Theaterregisseur Jürgen Gosch.

Share if you care.