Vor 80 Jahren wurde Anne Frank geboren

11. Juni 2009, 12:01
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Das Schicksal des jüdischen Mädchens wurde von zwei düsteren nationalsozialistischen Österreichern bestimmt

Den Haag - Der Asteroid 5535 hat einen Durchmesser von acht Kilometern und ein kartoffelförmiges Aussehen - nichts besonderes unter den vielen Felsbrocken im Universum. Und doch hat der 1942 vom deutschen Astronomen Karl Reinmuth entdeckte Himmelskörper etwas ganz Spezielles: Er ist nach dem jüdischen Mädchen Anne Frank benannt, das im selben Jahr mit dem Tagebuchschreiben begann und ihr berühmtes Versteck im Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht 267 bezog. Vor 80 Jahren - am 12. Juni 1929 - wurde das Mädchen, Autorin des wohl berühmtesten Tagebuchs der Welt, als zweites Kind des Kaufmanns Otto Frank und seiner Frau Edith in Frankfurt geboren.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wanderte die Familie nach Amsterdam aus. 1940 wurden die Niederlande von den Deutschen besetzt, die jüdische Bevölkerung bekam auch in den besetzten Niederlanden die deutsche "Rassenpolitik" zu spüren. Fanatischer Exekutor dieser Politik war der Österreicher Arthur Seyss-Inquart (1892-1946). Er stammte aus einer jener Familien, die wegen ihrer Existenz an der Sprachgrenze im nationalistischen Nebel des späten 19. Jahrhunderts nicht wussten, wohin sie gehörten. Die Eltern von Arthur Seyss-Inquart optierten "deutschfühlend". Der junge Rechtsanwalt Arthur Seyss-Inquart galt auf diesem Hintergrund als "nationaler Katholik". 1938 betätigte er sich als Hochverräter: Zwei Tage - vom 11. bis 13. März 1938 - war er als Nationalsozialist pro forma österreichischer Bundeskanzler. 1940 wurde er zum deutschen "Reichskommissar für die besetzten Niederlande" ernannt. Dort war er als mafioser Terrorist tätig. 1946 wurde er in Nürnberg zum Tod verurteilt und gehenkt.

Als Anne Franks Schwester Margot im Juli 1942 einen Aufruf für den Transport in das Lager Westerbork erhielt, tauchte die Familie unter. Gut zwei Jahre lebten sie - zusammen mit der Familie van Pels und dem Zahnarzt Fritz Pfeffer - versteckt in einem Hinterhaus des Firmengebäudes von Otto Frank. Am 4. August 1944 wurden sie verraten, von den Deutschen verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo die Mutter unmittelbar vor der Befreiung 1945 starb. Die beiden Töchter kamen noch 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dort starben sie kurz nacheinander im März 1945 an Typhus.

Auch bei der Verhaftung Anne Franks hatte ein Österreicher die Hand im Spiel: Es war der "SS-Oberscharführer" Karl Josef Silberbauer (1911-1972). Er verhaftete Anne Frank und ihre Familie am 4. August 1944 in Amsterdam. Silberbauer war 1935 in den österreichischen Polizeidienst eingetreten. Vier Jahre später wurde er Gestapo-Terrorist. 1943, dem Jahr seines Beitritts zur SS, zog er in die Niederlande und arbeitete für den sogenannten "Sicherheitsdienst" in Den Haag. Im April 1945 kehrte Silberbauer nach Wien zurück, wo er 14 Monate im Gefängnis war. 1954 wurde er - wie andere "Belastete" - aber wieder in die Wiener Polizei aufgenommen.

Simon Wiesenthal begann 1958 nach dem Mann zu suchen, der Anne Frank verhaftet hatte, um Holocaust-Leugnern die Existenz Anne Franks zu beweisen. Trotz des Widerstands von Otto Frank - des Vaters von Anne Frank - suchte Wiesenthal intensiv und erhielt bei einem Aufenthalt in Amsterdam von einem Bekannten ein nach Abteilungen gegliedertes internes Telefonbuch der Gestapo. Auf dem Rückflug nach Wien fand er darin mehrere Silberbauer, von denen einer in Amsterdam eingesetzt war: Karl Josef Silberbauer. Wiesenthal konnte ihn daraufhin 1963 in Wien aufspüren, Silberbauer gestand. Ein gegen Silberbauer eröffnetes Verfahren wurde aber 1964 eingestellt, da er "auf Befehl" gehandelt habe. Silberbauer starb elend 1972.

"Liebe Kitty", beginnen Annes Einträge in ihr rot-weiß kariertes Tagebuch. Das Papier ersetzte dem Mädchen die Freundin, die sie nicht mehr hatte. "Ich hoffe, dass Du mir eine große Stütze sein wirst", schrieb sie. Anne begann ihre Aufzeichnungen an ihrem 13. Geburtstag, am 12. Juni 1942.

Die Briefe an Kitty spiegeln vor allem den Alltag der im Hinterhaus eingesperrten Notgemeinschaft. Der Tagesablauf der Bewohner war streng reglementiert. Für Toilettengänge und Hausarbeiten gab es feste Zeiten, denn es durften keine Geräusche nach außen dringen. Gestohlene Jugendjahre. "Lesen, Lernen und Radio sind unsere Welt", schrieb Anne. Einzige Altersgenossen waren ihre Schwester Margot und Peter van Pels.

Zur Sprache kommen Gedanken über Gott, Sexualität und Familie. Auch die unvermeidlichen Spannungen unter den Versteckten, die tägliche Angst vor Entdeckung. "Das englische Radio berichtet von Gaskammern", notierte Anne am 9. Oktober 1942. Zugleich gibt das Tagebuch auch Aufschluss über Annes persönliche Entwicklung und zeichnet ihren Weg nach, den sie zwischen Kindsein und Erwachsenwerden suchen musste.

Ein Buch mit großer Wirkung: Übersetzt in einer Millionen-Auflage in mehr als 70 Sprachen. Mehr als 800.000 Menschen besuchen jährlich das als Museum eingerichtete "Anne Frank Huis" an der Amsterdamer Prinsengracht. Die Beschäftigung mit dem Tagebuch der Anne Frank war und ist für viele Menschen die erste und oft auch einzige Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

Kein Wunder, dass Holocaust-Leugner immer wieder behaupten, das Buch sei gefälscht. Als vermeintlicher Beweis muss die komplizierte Entstehungsgeschichte herhalten: Zunächst schrieb Anne die Briefe an Kitty nur für sich selbst. Im März 1944 entschloss sie sich aber, ein Buch über das Leben im Hinterhaus zu veröffentlichen, und überarbeitete ihre Eintragungen. Eine der Helferinnen, Miep Gies, verwahrte Annes Aufzeichnungen und übergab sie nach dem Krieg dem Vater Otto Frank. Er stellte aus beiden Manuskripten einen Text zur Veröffentlichung zusammen. Um die Vorwürfe der Rechtsradikalen zu entkräften, veröffentlichte das Institut für Kriegsdokumentation in Amsterdam 1988 eine textkritische Ausgabe, mit der die Echtheit des Tagebuchs belegt wird. Die heute vorliegende Buchversion ist vom Anne-Frank-Fonds in Basel um gestrichene Passagen erweitert worden. (Von Christoph Arens und Alexander Reiser/Kathpress)

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