"Militär hätte früher kommen sollen"

11. Juni 2009, 09:38
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Die pakistanische Armee ist im Swat-Tal viel zu spät gegen die Taliban eingerückt, meint Sicherheitsexperte Masood

Flitterwochen-Destination, Honigbauern und Schifahren: Das Swat-Tal im Nordwesten Pakistans war lange, wenn überhaupt, nur für solche Dinge bekannt. Eine Art Postkartenidylle, beliebt für ihre einzigartige Berglandschaft und die besondere Weltoffenheit der Menschen. Die sogenannte "Schweiz Asiens". Inmitten eines der unstabilsten Länder der Welt. Heute macht das einstige Urlaubsziel 150 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Islamabad Schlagzeilen anderer Art. Die Terrorwellen im gesamten Land reißen nicht ab, bei Anschlägen in Pakistan und bei Bluttaten, die Terroristen mit Verbindung nach Pakistan zugeschrieben werden, sind in den vergangenen eineinhalb Jahren Hunderte von Menschen ums Leben gekommen. Ende April diesen Jahres startete die Armee ihre Offensive gegen die im Swat-Tal ansässigen Taliban. Und auch mit dem Krieg auf der anderen Seite der Grenze steht die Stabilität des gesamten Landes auf dem Spiel.

Seit Beginn der Kämpfe kamen nach Militärangaben mehr als 1.200 Extremisten und mehr als 90 Soldaten ums Leben, zwischen zwei und drei Millionen Menschen - je nach Angaben - befinden sich  auf der Flucht. So viel Rückhalt gab es dennnoch selten für die zuletzt wenig sympathieverwöhnte pakistanische Armee: Die Mehrheit des nationalen Parlaments befürwortet den Krieg gegen die Gotteskrieger, die Medien ziehen fast einheitlich positive Bilanzen über den Eingriff und selbst die Bevölkerung bildet Bürgermilizen, um der Armee unter die Arme zu greifen.

Armee verkündet Erfolge

Die Armee gibt sich siegessicher: Mingora, die wichtigste Stadt im Swat-Tal, stehe wieder vollständig unter Kontrolle der Streitkräfte. Auch "die Einsätze in Swat, Buner und den angrenzenden Gebieten sind fast vollständig beendet", teilte Verteidigungsminister Ali Anfang des Monats mit. "Nur fünf bis zehn Prozent der Arbeit" seien noch zu erledigen, in zwei bis drei Tagen dürften auch die letzten "Widerstandsnester" geräumt sein. Spätestens Ende Juni soll die Offensive beendet sein. 2.500 Polizisten kehren dann allein nach Mingora zurück, zusätzlich bleiben die Truppen noch mindestens ein Jahr stationiert, um eine neuerliche Machtübernahme durch die islamischen Fundamentalisten zu verhindern, verkündete General Ijaz Awan.

15.000 Soldaten gegen geschätzte 5.000 militante Taliban. Beistand von allen Seiten, inklusive einer sechs Milliarden-Dollar-Spritze aus Washington. Klingt nach einer Erfolgsgeschichte, ist es aber nicht - so sieht das zumindest Talat Masood. Masood diente 39 Jahre der pakistanischen Armee und saß vor seinem Eintritt in den Ruhestand zuletzt als Rüstungsstaatsekretär im pakistanischen Verteidigungsministerium. Der pensionierte General gilt bis heute als einer der einflussreichsten unabhängigen Sicherheitsexperten seines Landes. "Das Militär hätte viel früher kommen sollen", sagt Masood im Gespräch mit derStandard.at.

Mitte April knickte Präsident Asif Ali Zardari vor den Taliban ein. Der Deal: Einführung der Scharia im Swat-Tal gegen Einhaltung der Waffenruhe. Masood nennt das einen fatalen Fehler. "So haben die Extremisten genug Zeit gehabt, um ihren Einfluss auszudehnen und zu intensivieren." Dass auch die Bevölkerung selbst gegen die Taliban zur Waffe greift, dem kann Talat Masood durchaus Gutes abgewinnen: "Ohne die Unterstützung der Bevölkerung funktioniert so eine Operation nicht. Außerdem setzen die Menschen damit ein Zeichen, weil sie damit zeigen, dass sie die Taliban nicht wollen".

Geldhahn und Atomkraftwerk

US-Präsident Barack Obama hat Pakistan im Zuge der neuen Strategie am Hindukusch zur "größten außenpolitischen Bedrohung" der Welt erklärt. David Obey, Vorsitzender des Budgetkomitess im Repräsentantenhaus, sieht das anders und räumt dem US-Präsidenten nur ein Jahr Zeit ein, "um Fortschritt zu machen". "Zu wenig", befindet Sicherheitsexperte Masood: "Dafür braucht es mindestens ein bis zwei Jahre".

Denn das Problem der aktuellen Lage wurzelt tiefer, der Einflussbereich der Taliban ist schon länger bis ins Herzland vorgerückt. Die religiösen Hardliner haben die Leere ausgefüllt, die lokale Verwaltung und Politik in der Swat-Region hinterlassen haben. Die Schulen standen leer, die Koran-Ausbildungsstätten füllten sich allmählich. Auf den Straßen patroullierten die Taliban, die örtliche Polizei harrte aus Angst in ihren Revieren aus. Zum Zeitpunkt des Einrückens der Armee standen die Gotteskrieger bereits 100 Kilometer vor der Hauptstadt.

Die Extremisten befinden sich im Vormarsch, Zardari versucht dennoch, die Wogen zu glätten. "Wir haben eine 700.000-Mann-Armee. Wie könnten sie (die Taliban, Anm.) uns schlagen?", sagte der pakistanische Präsident Ende April in einem Interview mit dem US-Nachrichtensender CNN. Auch das Atomwaffenarsenal sei "in sicheren Händen". Talat Masood schlägt in dieselbe Kerbe: "Die Extremisten haben keinen Zugriff auf die nuklearen Einrichtungen. Und ich denke, die Amerikaner wissen das auch. Dieses Argument nützen sie nur, um weiterhin Druck auf Pakistan auszuüben."

"Viel mehr Aufmerksamkeit" brauche hingegen das Investieren in Bildung, sagt Masood. "Wir müssen uns beispielsweise viel mehr auf Dinge konzentrieren, wie das Schulwesen wieder aufzubauen. Bisher wurde das viel zu sehr ignoriert. Dabei ist genau das Fehlen von Bildung das, was Phänomene wie religiösen Extremismus möglich macht." (Anna Giulia Fink, derStandard.at, 11.6.2009)

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