Grauer Star trübt Triumph

9. Juni 2009, 20:31
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Auch wenn Karas verliert, hat er eines gezeigt: Strasser wurde als EU-Frontmann von vielen Wähleren gar nicht so goutiert

Was für den Stimmenfang sehr schlau erschien, fällt dem schwarzen Parteiobmann jetzt auf den Kopf: Der langjährige Delegationsleiter in Brüssel durfte, kurzerhand auf Platz zwei der EU-Liste gereiht, die gemäßigten Befürworter der Union mobilisieren, für die typische rot-weiß-rote "Mir san mir"-Wählerschaft wurde der ehemalige Hardliner als Spitzenkandidat reaktiviert. Und so sicherte sich die ÖVP zwar den ersten Platz bei der EU-Wahl und ließ die anderen Parteien weit hinter sich - doch liefern sich die beiden Vote-Getter Othmar Karas und Ernst Strasser nun einen offenen Machtkampf um die Leitung des Teams im EU-Parlament. Des sechsköpfigen Teams, wohlgemerkt.

Peinlich, peinlich: Der graue Star Karas, der bereits weit mehr als die erforderlichen Vorzugsstimmen für eine Vorreihung beisammen hat - das Endergebnis dazu steht noch aus -, will sein wohlerworbenes Amt verteidigen. Strasser, im Zivilberuf umtriebiger Firmennetzwerker, braucht wegen seiner Rückkehr in die Politik wieder einen Chefposten, damit sich sein Antreten überhaupt ausgezahlt hat.

Demnächst wird also unter den sechs schwarzen Maxln, äh, sorry, Mandataren, geheim abgestimmt, wer sie anführt - vier haben sich schon für Strasser deklariert, für wen Karas und Strasser stimmen, dürfte keine schwierige Denksportaufgabe sein. Auch wenn Karas den Kampf verliert, hat er eines erreicht: zu zeigen, dass Josefs Prölls Entscheid, Strasser als EU-Frontmann in Stellung zu bringen von vielen Wähler gar nicht so goutiert wurde. Quod erat demonstrandum. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD-Printausgabe, 10.6.2009)

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