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9. Juni 2009, 19:31
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Wolfgang Kofler kommentiert eine Sammlung spätantiker Gedichte

Aus Geschichtsbüchern weiß man: Die Spätantike reichte vom vierten bis zum sechsten Jahrhundert nach Christus und markierte den Übergang zum Mittelalter. Diese Epoche brachte mit dem Zerfall des Römischen Reiches, dem Eindringen neuer Völker und der Verbreitung neuer Religionen große Umwälzungen für Europa.

Wolfgang Kofler, Dozent im Bereich Gräzistik und Latinistik des Instituts für Sprachen und Literaturen an der Uni Innsbruck, hat sich in seiner Habilitation mit einer Sammlung lateinischer Texte beschäftigt, die "gewissermaßen Zeugen dieser Umbrüche sind und wahrscheinlich im Umkreis einer - heidnisch geprägten - Elite entstanden sind, die im Angesicht der neuen Zeiten ihr kulturelles Erbe bewahren wollte". Insgesamt umfassen die erst 1950 entdeckten Epigrammata Bobiensia 71 lateinische Gedichte, von denen sich ungefähr die Hälfte als Übersetzungen bereits vorher bekannter griechischer Originale erwiesen.

Für seine Habilitation, die mit einem Liechtensteinpreis ausgezeichnet wurde, übersetzte der Südtiroler aus Kaltern das Textcorpus und arbeitete es literaturgeschichtlich auf. Die Intertextualitätsforschung, eine moderne Methode der Literaturwissenschaft, erwies sich als besonders hilfreich, weil die Bobiensia auf Basistexte antiker Literatur wie etwa die Ilias oder die Aeneis zurückgreifen. Wer diese genau kennt, hat mehr von der Lektüre. Intertextualität bedeutet, den Text nicht so sehr als Produkt eines Autors "sondern als Teil eines Universums von anderen Texten zu sehen. Das Verhältnis zu diesen legt letztlich seine Bedeutung fest."

Der 38-jährige Wolfgang Kofler legt auf eine fachliche Breite wert: Neben der Poesie der Spätantike widmet er sich der Dichtung zur Zeit des Augustus (Stichwort Vergil, Horaz und Ovid). Er engagiert sich im Bereich Neulatein, der all jene Texte abdeckt, die seit der Renaissance verfasst wurden: Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden pro Jahr mehr Bücher in Latein als in allen europäischen Volkssprachen zusammen veröffentlicht. Um die Rezeptionsgeschichte der Antike - unter anderem im Hollywood-Blockbustern - kümmert sich der klassische Philologe ebenso wie um die Weiterentwicklung der Didaktik beim IMoF, dem Innsbrucker Modell der Fremdsprachendidaktik, das 2002 mit dem Europasiegel für innovative Sprachenprojekte ausgezeichnet wurde.

Er hatte das Glück, neben seiner Tätigkeit als Wissenschafter an der Uni Innsbruck mit einer Planstelle als Gymnasiallehrer abgesichert zu sein. Als Forscher nimmt er "ständig an einem Dialog teil, dessen Wettbewerbscharakter mich ebenso reizt wie der Umstand, dass er eine breite Palette von Kompetenzen erfordert".

Die Kenntnis vermeintlich toter Sprachen "lässt uns Werke von hoher literarischer Qualität im Original lesen, die den Grundtexten unserer europäischen Kultur zuzurechnen sind", sagt er . Im Moment geht es für den begeisterten Eishockeyspieler jedenfalls Schlag auf Schlag: der renommierte Preis, ein Ruf an den Latinistik-Lehrstuhl der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, und demnächst wird geheiratet. (Astrid Kuffner/STANDARD, Printausgabe, 10.6.2009)

  • Der Südtiroler Wolfgang Kofler ist Wissenschafter und Gymnasiallehrer.
    foto: privat

    Der Südtiroler Wolfgang Kofler ist Wissenschafter und Gymnasiallehrer.

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