Pillenfälschungen aus Indien

9. Juni 2009, 19:00
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Der Handel mit gefälschten Medikamenten blüht - Zoll greift tausende illegal importierte Arzneimittel auf

Wien - Die Fabrik für entzündungshemmende Medikamente ist ein alter Holzverschlag. Drei Eimer, gefüllt mit weißem Pulver, posieren vor der verdreckten Mischmaschine, die Plastikschaufel hilft bei der Dosierung. Das Inventar des Werks ist spärlich, sein Geschäft war dennoch lukrativ. So lange, bis die Justiz der Produktion ein Ende setzte.

Der Handel mit gefälschten Medikamenten blüht. Von Antibiotika über Antidepressiva bis zu Mitteln gegen Krebs ist alles dabei. Ein Renner sind Dopingprodukte. Die meisten sind wirkungslos, viele gesundheitsgefährdend. Gemixt werden sie überwiegend in Indien, den Weg nach Europa finden sie übers Internet und den Versandhandel.

In Österreich zog der Zoll 2008 mehr als 40.000 Packungen illegal importierte Medikamente aus dem Verkehr. EU-weit waren es 34 Millionen. Die Zahl der Fälschungen auf dem Gesundheitsmarkt nehme rasant zu und mit ihr die Bandbreite an Produkten, sagt Finanzstaatssekretär Reinhold Lopatka. Alles in allem entfalle knapp die Hälfte der aufgegriffenen Sendungen auf Arzneimittel, zeigt der neue Pirateriebericht des Finanzministeriums.

Apotheker fordern härtere Strafen

In den Apotheken landen die falschen Pülverchen nicht, versichert Gudrun Reisinger von der Apothekerkammer. Es sei denn, Kunden brächten die online georderten Pillen in Sackerln ohne Beipackzettel und fragten um Rat. Die Apotheker fordern nun härtere Strafen für Fälschungen: Nicht nur die Produktion, auch der Verkauf und die Weitergabe sollen bestraft werden.

Die Piraterie findet in der Krise einen guten Nährboden. Aber auch der Zoll habe seine Effizienz gesteigert, befindet Lopatka. Die Zahl der Aufgriffe versechsfachte sich 2008 in Österreich auf 620.000 Produkte. Ihr Wert, gemessen am Preis der Originale, liegt bei 83 Mio. Euro.

Markenindustrie muss dafür büßen

Für ihre Vernichtung zahlt die Markenindustrie. Will sie die Kosten einspielen, muss sie klagen. Zu gut 90 Prozent führt dieser Weg zu Fabriken in China, Hongkong und Indien. Es tue sich hier eine wachsende Industrie auf, sagt Finanzstaatssekretär Andreas Schieder.

1846 Markenuhren im Wert von acht Mio. Euro verbargen sich etwa in einer für Graz bestimmten Lieferung von Autoersatzteilen. Stets beliebt in den Werkstätten der Fälscher bleiben Textilien und Elektrogeräte. Vor ihren oft täuschend echten Produkten nicht gefeit sind auch die Handelsketten: Ein großer österreichischer Sportartikelhändler habe etwa vor einigen Jahren gefälschte Jeanshosen verkauft, erinnert Lopatka. Willi Stift, Vorsteher des Bekleidungshandels, lässt keinen Zweifel am Einkaufsgeschick seiner Branche zu: Gefälschte Markenware werde nur im Urlaub erworben, der Handel arbeite seriös. (Verena Kainrath, DER STANDARD Printausgabe, 10.06.2009)

 

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