Das große Absacken

10. Juni 2009, 12:05
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Ausbeutung von Gasvorkommen und Grundwasser lassen einige Ballungszentren bedrohlich schnell absinken - Regionen in den Niederlanden sind ebenso betroffen wie Schanghai

Höhere Deiche sollen die Niederlande gegen einen steigenden Meeresspiegel wappnen. Doch dem Küstenschutz wird regelrecht der Boden entzogen. Der Nordosten der Niederlande sinkt dramatisch ab, und damit sinken auch die Deiche. Schuld ist die Gasförderung, sie höhlt den Boden förmlich aus.

Eine neue Studie sagt nun voraus, dass die Region um Groningen bis Mitte des Jahrhunderts um einen Meter tiefer liegen wird als 1970, berichten Geoforscher um Karin Thienen-Visser vom Geologischen Dienst TNO in einem Gutachten für die niederländische Regierung.

Die Folgen für Küstenorte und Wattenmeer seien "besorgniserregend", warnen die TNO-Forscher. Auch anderswo kämpfen Großstädte gegen die teilweise dramatische Absenkung des Bodens. Mit Radarsatelliten kommen Wissenschaftler in dutzenden Städten der heimtückischen Gefahr auf die Spur.

Im Nordosten der Niederlande liegt nahe Groningen neben kleineren Gasfeldern eines der größten Erdgasreservoire Europas. Seit 1959 pumpen Firmen dort Gas aus dem Untergrund. Die entleerten Gesteinsporen halten dem Druck des auflastenden Bodens nicht stand, sie sacken in sich zusammen - der Boden gibt allmählich nach, seit den Siebzigerjahren um bis zu 30 Zentimeter.

Anhaltender Abwärtstrend

Ein Ende des Abwärtstrends ist nicht in Sicht. In den nächsten 40 Jahren könnte sich der Boden nahe Groningen sogar um weitere 70 Zentimeter setzen, prophezeien nun Karin Thienen-Visser und ihre Kollegen. Ob die neue Prognose der TNO-Experten zu Beschränkungen der Gasproduktion führen wird, ist unklar. Die Erschließung mehrerer Gasfelder im Wattenmeer ist jedenfalls bereits untersagt worden, um Setzungen zu verhindern. Bisher jedenfalls war geplant, die Gasförderung bei Groningen noch jahrzehntelang aufrechtzuerhalten. Das Reservoir deckt schließlich einen Gutteil des Energiebedarfs der Niederlande.

Auch im benachbarten Niedersachsen hat sich der Boden nach jahrzehntelanger Gasförderung um einige Zentimeter abgesenkt. Genaue Messungen lägen den Behörden allerdings nicht vor, sagt der deutsche Experte Klaus Söntgerath. Probleme für den Küstenschutz oder Gebäudeschäden seien hierzulande aber nicht zu befürchten.

Welche dramatischen Auswirkungen Bodensetzungen haben können, zeigt sich jedoch in der indonesischen Hafenstadt Semarang. Die Millionenstadt kippt regelrecht ins Meer. Bis zu 15 Zentimeter pro Jahr senken sich küstennahe Stadtviertel, berichten Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR in Hannover. "Das Wasser drückt in die Stadt", sagt Friedrich Kühn von der BGR. Es verursache "enorme wirtschaftliche Schäden".

Manche Straßenzüge der Millionenstadt sind bereits im Meer versunken. Ganze Wohngebiete und Industrieanlagen werden im Zuge der Gezeiten täglich geflutet. Die Anwohner legen Ziegelsteine auf die Straße, um trockenen Fußes voranzukommen. Meist jedoch müssen drastischere Maßnahmen ergriffen werden, um der Wassermassen Herr zu werden. Straßen werden mit Erde und Schutt stetig erhöht, um sie über dem Meeresspiegel zu halten. An manchen Orten ragen nur noch die Häusergiebel über den Straßenrand.

Große Leere unter der Stadt

Ursache des Desasters sei "die unkontrollierte Förderung von Grundwasser", berichtet Friedrich Kühn. Die Entleerung der Bodenschichten lasse den Untergrund absacken. Die Wasserentnahme führe zudem dazu, dass Tonschichten austrocknen. Dadurch schrumpfe das Erdreich.

Mit den Radarsatelliten ERS-1 und ERS-2 der Europäischen Raumfahrtagentur Esa hatten Wissenschafter erkundet, warum sich der Boden absenkt. Sie verglichen 35 Aufnahmen, die die Satelliten zwischen 2002 und 2006 von Semarang gemacht haben. Die Radare senden elektromagnetische Strahlen zur Erde. Senkt sich der Boden, sind die Strahlen länger unterwegs.

Auch andere Metropolen wurden im Rahmen des internationalen Forschungsprojektes Terrafirma mit den Radarsatelliten vermessen - mit zum Teil dramatischem Ergebnis. So zeigte sich, dass auch Lissabon, Bangkok, Jakarta und Athen wegen Grundwasserentnahmen einsacken. Schanghai senkt sich pro Monat um einen Millimeter. Die größte Stadt Chinas - ihr Name bedeutet "über dem Meer" - kommt dem Meeresspiegel vielerorts bereits gefährlich nahe.

Die Last tausender Hochhäuser beschleunigt den Niedergang; der weiche Marschboden unter Schanghai sackt zusammen. Der Finanzdistrikt, wo die meisten Wolkenkratzer stehen, sinkt drei- bis sechsmal schneller ein als andere Bezirke. Die Folgen sind vielerorts sichtbar: U-Bahn-Trassen verformen sich, Gebäude zeigen Risse.

Das Einsinken von Sankt Petersburg führen Forscher ebenfalls auf die Last der Gebäude zurück. In Istanbul indes standen die Experten lange vor einem Rätsel. Sie entdeckten auf ihren Satellitenbildern dutzende Areale, die, über die Stadt verteilt, mit bedrohlicher Geschwindigkeit absanken.

Erst Recherchen an Ort und Stelle brachten die Erklärung: An Hängen kriecht Erdreich abwärts. Ein Alarmsignal: Verliert es den Halt, könnte es ganze Wohngebiete unter sich begraben. (Axel Bojanowski/STANDARD, Printausgabe, 10.6.2009)

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    Schanghai heißt auf Deutsch "über dem Meer" - doch wie lange noch? Chinas größte Stadt ist nämlich im Sinken begriffen - um immerhin einen Millimeter pro Monat.

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