Sollen Journalisten mit Terroristen sprechen?

9. Juni 2009, 18:28
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Diskussion beim Pressefreiheitskongress in Helsinki

Sollen Journalisten mit Terroristen sprechen? Diese Frage wurde beim Kongress des International Press Instituts (IPI) in Helsinki, an dem rund 200 Journalisten aus aller Welt teilnahmen, am Dienstag heftig diskutiert. Für Peter Bergen, den Terrorexperten von CNN, ist das eindeutig: "Wir Journalisten müssen Fragen stellen, warum unschuldige Menschen getötet wurden. Das ist die einzige Möglichkeit, Menschen wie Osama bin Laden damit zu konfrontieren." Bergen hat 1997 das erste TV-Interview mit Bin Laden geführt. Dass sich Al-Jazeera missbrauchen lasse, wollte Bergen auch nicht gelten lassen: "Sie produzieren Nachrichten. Nachrichten sind keine moralische Kategorie."

Kein Werkzeug

Der pakistanische TV-Journalist Hamdi Mir, der Bin Laden mehrfach interviewte, stimmte zu. "Wir dürfen uns nicht zum Werkzeug machen lassen."

Eindringlich warnte die italienische Journalistin Giuliana Sgrena vor "embedded" Journalismus, dass Journalisten sich Soldaten anschließen, wie im Irakkrieg geschehen. Sgrena, die 2005 im Irak entführt und bei deren Freilassung ein italienischer Geheimdienstoffizier getötet und sie selbst verletzt worden war, sagte: "Das widerspricht journalistischem Ethos."

"Befreit Giuliana"

Sgrena berichtete über ihre Gefangenschaft. Beeindruckt seien ihre Bewacher gewesen, dass italienische Fußballstars mit T-Shirts mit der Aufschrift "Befreit Giuliana" aufmarschiert seien: "Da bin ich in ihrer Achtung gestiegen."

Der BBC-Journalist Alan Johnston nahm aus vier Monaten Gefangenschaft in Gaza mit, dass "wir generell von denen als christliche Kreuzritter betrachtet werden, so wie bei uns viele Muslims als potenzielle Terroristen angesehen werden". Er bedankte sich beim IPI für dessen Freilassungsinterventionen.

29 Journalisten getötet

Weltweit wurden heuer bereits 29 Journalisten getötet. Besorgt äußerten sich die Delegierten über die Pressefreiheit in Venezuela und Nordkorea. Ausgezeichnet in Sachen Medienfreiheit wurde Novaja Gazeta, jene russische Zeitung, bei der die ermordete Anna Politkowskaja gearbeitet hatte. IPI-Direktor David Dadge erinnerte daran, dass 32 Journalisten in Russland seit 2000 getötet worden sind. Der nächste IPI-Kongress findet 2010 in Wien und Bratislava statt. Das in Wien ansässige Institut, das sich weltweit für Pressefreiheit einsetzt, wird dann 60 Jahre alt. (Alexandra Föderl-Schmid aus Helsinki/DER STANDARD; Printausgabe, 10.6.2009)

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    Journalistin Giuliana Sgrena geriet im Irak in Gefangenschaft.

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