Über das Wachsen auf verbrannter Erde

9. Juni 2009, 18:22
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Gerda Lerner machte in ihrer zweiten Lebenshälfte Karriere als erste feministische Historikerin - Im Juni hielt sie Vorträge in Wien

Davor wurde sie als Jüdin aus Wien vertrieben, dann als Kommunistin in den USA ausgegrenzt. Ihr Buch "Feuerkraut" erzählt davon. 

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"Meine Leser, meine Studenten und meine Kollegen haben das Recht zu wissen, wer ich bin", beginnt die 89-jährige Wissenschafterin mit den 19 Ehrendoktoraten am vergangenen Donnerstag ihren Vortrag an der Grazer Uni. "Ich bin eine Linksradikale, eine Kommunistin." Sie wolle ihre Vergangenheit nicht verschweigen, denn sie stehe dazu, begründet Gerda Lerner ihren Entschluss, über ihr eigenes Leben zu schreiben.

Das Ergebnis, ihre mehr als 500 Seiten starke "politische Biografie" Feuerkraut (Czernin-Verlag), präsentierte Lerner nun erstmals auf Deutsch. Diese "halbe" Autobiografie, die mit Lerners 38. Lebensjahr im Jahr 1958 endet, erschien 2002 unter dem Originaltitel Fireweed, der auf ein Kraut anspielt, das auf verwüsteter Erde, etwa nach Waldbränden oder in bombardierten Städten, gedeiht. 1920 in ein bürgerliches, liberales jüdisches Elternhaus in Wien hineingeboren, verließ sie als Gerda Kronstein 1939 mit 19 ihre Heimat Österreich und begann in New York ein neues Leben.

Erst mit 38 begann sie zu studieren. Nach ihrer Promotion mit 43 hinterfragte und revolutionierte sie die bis dahin patriarchal geprägte Geschichtsschreibung. Als Vorkämpferin der Frauenbewegung begründete die heute emeritierte Professorin für Geschichte an der University of Wisconsin-Madison ein neues, feministisches Geschichtsbewusstsein - etwa mit ihren Büchern "Die Entstehung des Patriarchats" (1986) oder "Die Entstehung des feministischen Bewusstseins" (1993).

Doch hinter der zweiten, weitgehend bekannten Lebenshälfte stand die erste, "in der so ziemlich alles schiefgegangen ist", wie sie mit einer wegwerfenden Handbewegung erklärt. Schon als Kind fällt sie durch ihr rebellisches Wesen auf. Das Verhältnis zur Mutter, deren Kampf um Anerkennung als Künstlerin und Frau die Tochter erst retrospektiv annehmen kann, ist schwierig. Der Abschied aus der der Heimat schmerzhaft. Als Lerner die letzte Durchsage Kurt Schuschniggs in "Radio Österreich" vorliest, die mit den bekannten Worten "Gott schütze Österreich!" endet, kommen ihr noch 71 Jahre später Tränen.

Gatten und Genossen 

Lerner heiratete zweimal, einmal, um in die USA einreisen zu können ("Der amerikanische Staat schuldet mir zwei Lebensjahre"), ein zweites Mal aus Liebe, die auch Kraft zum Kampf gab: Ihr Mann, der Regisseur und spätere Filmproduzent Carl Lerner, Vater ihrer beiden Kinder, war auch Verbündeter. Beide waren Mitglieder der CPUSA, der kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten, und blieben es auch während der McCarthy-Ära - trotz Repressionen, Jobverlust und dem Ausschluss aus der Gesellschaft der jungen Eltern.

Lerner erlebte diese Jahre, da Verschwörungstheorien und Denunziation herrschten, jene "Zeit der totalen Gleichschaltung Amerikas", als traumatisch: Man wurde "niedergehämmert, für gestört erklärt und zum Schweigen gebracht". Doch zum Glück gab es den großen Unterschied zu ihrer Jugend in Wien, wo sie vor der Emigration auch immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde: "In Europa brach der Faschismus aus, in Amerika konnten Demokratie und Bill of Rights das Schlimmste verhindern", sagt die Wahlamerikanerin.

Kritisch blieb Lerner stets: Sie bestand nicht nur auf die Bedeutung der Klasse im Feminismus, sie kritisierte später auch umgekehrt die "Frauenfrage" der marxistischen Analyse: Diese "ging nie weiter als jene des bürgerlichen Liberalismus, der um Frauenrechte kämpfte, und sie tat nichts, um die wahre Emanzipation der Frau zu fördern", schreibt sie. Und: "Ich dachte mich aus dem Marxismus heraus, genauso wie ich mich hineingedacht hatte - durch pragmatische Analyse und dadurch, dass ich mich auf meine eigene Erfahrung verließ".

Gerda Lerner präsentierte ihr Buch in Wien am Mittwoch (10.06.2009) im Palais Auersperg und am 16. 06. im Jüdischen Museum. (Colette M. Schmid/DER STANDARD, Printausgabe 10.06.2009)

  • "Mein radikales politisches Leben hatte einen sehr guten Einfluss auf die Entwicklung meines Charakters", schreibt die vielfach ausgezeichnete Wissenschafterin und Feministin Lerner.
    foto: uni graz

    "Mein radikales politisches Leben hatte einen sehr guten Einfluss auf die Entwicklung meines Charakters", schreibt die vielfach ausgezeichnete Wissenschafterin und Feministin Lerner.

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