Die Kolossalen

9. Juni 2009, 18:01
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Kontrapunkte

Wien - Bachs Wohltemperiertes Klavier könnte man als das Neue Testament der tonalen Musik bezeichnen. Es besteht aus 24 Präludien und ebenso vielen Fugen, die jeweils auf einem Ton der zwölfteiligen chromatischen Skala basieren. Maurizio Pollini hat nun die geistigen und physischen Strapazen auf sich genommen und dieses Kolossalwerk im Konzerthaus zum in schwerelose Heiterkeit entrückten Erlebnis gemacht.

Das nach strengen Regeln funktionierende kontrapunktische Schaltwerk dieser durch ihre komplexen Strukturen geradezu beängstigenden Musik war für Pollini eigentlich gar nicht existent. Er hat die 48 hochkonzentrierten Miniaturen, intellektuell geschärft durch seinen Umgang mit der musikalischen Moderne, so sehr zu seinem Wesen gemacht, dass er die Themen der Fugen - als wären sie Gassenhauer - einfach mitsingt.

Zu Pollinis Wesen zählt natürlich auch die technische Virtuosität. Die rasenden Tempi, die er zeitweise wählt, stellen plötzlich neue, bisher noch nicht gehörte formale Zusammenhänge her, als würde man mit großer Geschwindigkeit durch eine vertraute Landschaft fahren. Zu bewundern bleibt vor allem der hohe Grad an Disziplin, mit der Pollini Brillanz und Spiritualität zu unvergleichlicher Ausgewogenheit verdichtet. Was das Publikum mit enthusiastischem Beifall zu würdigen wusste. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 10.06.2009)

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