Die Unterwelten dieser Tage

9. Juni 2009, 17:55
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Reale Höllen der Gegenwart dominieren Brett Baileys zeitgenössische Adaption des Orfeus-Stoffes

Die Produktion aus Kapstadt feiert bei den Wiener Festwochen Europapremiere.

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Wien - Am Tor zum Hades riecht es nach Benzin und Urin. Zwischen Abfallsäcken, Tonnen und anderem Unrat steht eine mächtige schwarze Flügeltür, bewehrt mit Stacheldraht und Knochen.

Im Feuerschein angesteckter Blechfässer eröffnet sich die Unterwelt irgendwo in Floridsdorf.

Zwei Busse mit verhangenen Fenstern karrten am Montag das Festwochenpublikum vom Karlsplatz dorthin, um bei der Europapremiere von Brett Baileys Orfeus zu erleben, wie treffsicher zeitgenössisches Theater sein kann. Bereits beim Verlassen der Busse ist klar, wo dieser Theater-Ausflug endet: In den Höllen dieser Tage.

In harschem Ton verlautbart Sprecherin Jane Rademeyer von Baileys Theatergruppe Third World Bunfight (TWB) Vorschrift um Vorschrift. Ab sofort herrscht Stille bei den 100 Zuschauern. Mit Taschenlampen ausgestattet huscht man durch eine Zaunlücke, bedrängt vom Festwochenpersonal und anderen Gästen. Schon ist man Teil der Inszenierung, die sich zwar auf die Liebe Orpheus' (Bebe Lueki) zu Eurydike (Nondumiso Zweni) stützt, doch die antike Sage geschickt als Trägermedium für die Darstellung aktueller Unterwelten nutzt. Einer rituellen Zeremonie gleich wird die Geschichte des ersten Musikers erzählt. Orpheus und Eurydike finden sich, nur um durch den tödlichen Schlangenbiss getrennt zu werden.

Verdrängte Höllen

Mit bekannten Bildern von Dauerkrisenherden ersetzt Bailey das Leiden von Prometheus oder Tantalos. Die verschiedenen Tableaus müssen wie Checkpoints durchschritten werden: Die Mutter, die samt Baby in einem Grenzzaun hängt, der Mann ohne Erinnerung, der auf einer Müllhalde haust, Kinder die im Sweatshop an Turnschuhen nähen oder der Häftling, der in seiner eigenen Pisse dahinsiecht. Ob Frauen, Männer oder Kinder, das TWB-Ensemble muss keine Leidensbilder erfinden, um glaubwürdig zu sein. Mit Wucht bringt die Truppe aus Südafrika Themen auf die Bühne, die gerne verdrängt oder mit zynischer Argumentation kleingeredet werden.

In diesem Kaleidoskop des Elends besingt Orpheus seine geliebte Eurydike, die er erst im Lager des Königs der Unterwelt wiederfindet. Dort hockt ein versiffter Hades (John Cartwright) samt Apple iBook auf den Knien vor kistenweise gehorteten Hilfsgütern. Sein akzentuiertes Englisch verweist auf frühere Kolonialherren, büschelweise Frischgeld zeugen vom anhaltenden, wirtschaftlichen Erfolg des Unsichtbaren in Geschäftsfeldern vom Organhandel bis zur Prostitution. Die Prüfung, die er Orpheus auferlegt, ist bekannt, der Sänger scheitert auch in dieser Inszenierung am fehlenden Vertrauen und kehrt einsam als gebrochener Mann zurück.

Der Zündstoff der Inszenierung liegt in der Unterwelt, die Orpheus auf der Suche nach der Geliebten durchwandern muss. Was übrig bleibt, ist Orpheus' Musik. Im Floridsdorfer Hades endet ein gelungener wie schonungsloser Theaterabend ohne Druck auf die Tränendrüsen. (Georg Horvath, DER STANDARD/Printausgabe, 10.06.2009)

Weitere Vorstellungen: 10.-12. 6. 20.30, am 12. 6. auch um 22.00

  • Als harte Kritik an realen Missständen inszeniert der Südafrikaner Brett Bailey  seinen Orpheus.
    foto: festwochen

    Als harte Kritik an realen Missständen inszeniert der Südafrikaner Brett Bailey seinen Orpheus.

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