Der hohe Preis des billigen Bauens

9. Juni 2009, 16:31
posten

Auf dem Gelände des Nordbahnhofs in Wien werden in den kommenden Jahren kostengünstige Wohnungen geschaffen. Um die Kosten zu senken, musste das Wohnen neu interpretiert werden

Der soziale Wohnbau unterliegt strengen Spielregeln. Damit ein Projekt förderbar ist, müssen bauliche, energetische und finanzielle Richtlinien eingehalten werden. Derzeit liegt die Obergrenze der Förderbarkeit je nach Projektgröße und technischem Standard bei einem quadratmeterbezogenen Baupreis zwischen 1180 Euro (Sockelbetrag) und 1730 Euro. Doch die Praxis hat gezeigt, dass Architekten in Hinsicht auf Bauweise und Ausstattungsgrad ein enormes Millimetergespür entwickelt haben. Die meisten Wohnbauprojekte in Wien schrammen am höchstzulässigen Baubudget haarscharf vorbei. Kalkuliert wird bis auf den letzten Cent. Spielraum null.

Das sollte sich ändern. Im März 2008 wurde auf dem Gelände des Wiener Nordbahnhofs ein Bauträger-Wettbewerb ausgeschrieben, der ganz im Zeichen des kostengünstigen Bauens stand. Mit dem Mammutprojekt wollte die Stadt Wien das Exempel statuieren, dass auch mit weniger Geld in der Tasche hochwertige und attraktive Wohnungen geschaffen werden können.

Jeweils fünf Bauträger und Architekten machten im Kampf um die Reduktion der Baukosten das Rennen und bebauen nun - jedes Team für sich - eine der fünf zur Verfügung stehenden Parzellen. Doch das allgemeingültige Patentrezept bleibt aus. "Wenn man ehrlich ist, kann man nicht noch billiger bauen, als man es derzeit ohnedies schon tut" , sagt Architektin Bettina Krauk vom Wiener Büro synn. "Ab einem gewissen Level lassen sich die Baukosten bei gleichbleibender Qualität nicht mehr unterbieten." Auch Franz Sumnitsch vom Architekturbüro BKK-3 bestätigt: "Im Grunde genommen kann man die Baukosten im österreichischen Wohnbau unter den derzeitigen Bedingungen nicht mehr reduzieren."

Sparen beginnt beim Konzept

Was tun? Fast alle Architekten und Bauträger entwickelten, anstatt die Baukosten auf Biegen und Brechen zu minimieren, neue beziehungsweise adaptierte Wohnkonzepte jenseits des Marktüblichen. Die einen schufen Studentenheime und Wohngemeinschaften für junge Menschen, die anderen pendelten sich im Segment der Kleinstwohnungen ein.

"In der Konzentration auf das Sparen müssen wir den Mieterinnen und Mietern irgendwo auch ein paar Gustostückerln bieten" , erklärt Stephan Ferenczy vom Architekturbüro BEHF. "Das Angebot muss attraktiv bleiben." Die hochwertige Kompensation der kleinen Wohnungen reicht von Gemeinschaftsterrassen über Stockwerksloggien bis hin zu intensiv begrünten Dachgärten, Sportgymnastik-räumen und Sauna-Landschaften.

Es zeigt sich bereits in der Planungsphase, dass kostengünstiges Bauen alleine eine Utopie ist. Wo auf der einen Seite gespart wird, muss auf der anderen Seite Mehrwert geboten werden. Und das kostet. Doch dafür bekommen die Mieter die unbezahlbare Gunst des sozialen Umfelds mitgeliefert. Baubeginn des Pilotprojekts ist Ende dieses Jahres, die Fertigstellung ist für 2011/2012 geplant.  (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.6.2009)

  • Der Bauteil der synn architekten (Bauträger Gebös) zeichnet sich
durch kleine Wohnungen aus. Als Wiedergutmachung gibt es doppelstöckige
und rundum begrünte Loggien für die Gemeinschaft.
    Foto: synn

    Der Bauteil der synn architekten (Bauträger Gebös) zeichnet sich durch kleine Wohnungen aus. Als Wiedergutmachung gibt es doppelstöckige und rundum begrünte Loggien für die Gemeinschaft.

  • Bauteil BKK-3 mit dem Bauträger BWS: Das großzügige Gegenstück zu den kleinen Wohnräumen sind die 1,50 Meter tiefen Loggien.
    Foto: BKK-3

    Bauteil BKK-3 mit dem Bauträger BWS: Das großzügige Gegenstück zu den kleinen Wohnräumen sind die 1,50 Meter tiefen Loggien.

Share if you care.