Der Baumeister als Krisenfeuerwehrmann

9. Juni 2009, 16:13
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Österreichs Wohnungswirtschaft hat sich als krisenfest erwiesen. Ob nun aber der Wohnbau zum Kampf gegen die Rezession angekurbelt werden kann, sei ungewiss, hieß es beim jüngsten STANDARD-Wohnsymposium

Der Kollaps des weltweiten Finanzsystems 2008 hat zwar in einem überzogenen und unkontrollierten Wohnbau in den USA seinen Ausgang genommen, dennoch könnte der Wohnungsbau einen Ausweg aus der derzeitigen Wirtschaftskrise weisen.

Zumindest in Österreich gelten der Neubau und vor allem die thermische Sanierung als jene Bereiche, wo Arbeitsplätze gesichert und damit die Rezession abgemildert werden könnten. Aber wie Referenten und Diskutanten beim 34. Standard-Wohnsymposium im Wohnservice Wien vergangene Woche, das sich unter dem Titel "Ausbauen oder Einschränken" dem Wohnbau in der Wirtschaftskrise widmete, aufzeigten, ist auch der österreichische Wohnbau vor den Auswirkungen der wirtschaftlichen Turbulenzen nicht völlig gefeit.

Vier Säulen

Grundsätzlich ist die Lage des Immobilienmarktes in Österreich deutlich stabiler als jene in anderen europäischen Ländern oder gar den USA, hieß es auf der vom Fachmagazin Wohnen Plus mitorganisierten Tagung. Wie die Wohnbauexpertin des Wifo, Margarete Czerny, ausführte, sorgen die vier Säulen der Wohnbaupolitik - Wohnbauförderung, Gemeinnützigkeit, Bausparkassen und Wohnbaubanken - für langfristige Finanzierungen, stabile Preise und für Schutz vor Spekulation.

Gezielte staatliche und private Initiativen sollten nun einen Rückgang der Wohnbauleistung verhindern, etwa der von der Regierung beschlossene Sanierungsscheck, der laut Czerny sehr stark angenommen worden ist. Mit einem Einsatz von 50 Millionen Euro für 10.000 Anträge bis zu 5000 Euro wird ein Vielfaches an Investitionen in Wärmedämmung, Fenstersanierung und ökologische Heizungsumstellung erzielt.

Aber auch die Gemeinnützigen würden mit dem Vorziehen von 300 Millionen Euro an bereits beschlossenen und geförderten Bauvorhaben auf 2009 dem Wohnbau einen wichtigen Impuls geben und rund 5000 Arbeitsplätze schaffen, betonte der Bundesobmann der Gemeinnützigen, Karl Wurm.

"Mangel an guten Projekten"

Aber ob all das ausreicht, um Baumaschinen laufen zu lassen, ist ungewiss. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner sprach offen aus, dass er heuer allen Anstrengungen zum Trotz mit einer Beeinträchtigung des Wohnbaus durch die Wirtschaftskrise rechnet. Die Leiterin des großvolumigen Wohnbaus bei der Erste Bank, Gertrude Schwebisch, verwies auf den Mangel an Bauprojekten, die rasch umgesetzt werden können. Dies und nicht die Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe sei das Hauptproblem. "Es mangelt nicht an Liquidität, sondern an guten Projekten, die langen Vorlaufzeiten sind das Problem" , sagte sie. "Wenn Projekte auslaufen und nicht in Zügigkeit heranwachsen, dann fallen wir in ein Loch" .

Diesem Befund widersprach Isabella Leeb, ÖVP-Stadträtin in Wien und Bauunternehmerin. "Es gibt keinen Zweifel, wir haben eine Kreditklemme" , sagte sie. Sie fürchte einen massiven Rückgang der Bautätigkeit im Herbst, wenn Großprojekte auslaufen und die neuen Maßnahmen zur Konjunkturbelebung noch nicht greifen.

Rückkehr zur Zweckbindung gefordert

Auch Wurm sieht einen möglichen Mangel an Finanzierungsquellen. "Bei den Wohnbaubanken kommt zu wenig rein, und Bausparkassen waren für den mehrgeschoßigen Wohnbau nie der große Finanzierer, die können das höchstens unterfüttern", sagte er. "Wir brauchen neue Instrumente" . Begrüßenswert sei etwa die Ausgabe von 200 Millionen Euro in Wohnbauanleihen durch die Stadt Wien.

Doch die weitere Aufweichung der Zweckbindung der Bundesländer bei der Wohnbauförderung könnte die Bautätigkeit in den kommenden Monaten und Jahren weiter schwächen, warnte etwa der SP-Nationalratsabgeordnete und Bau-Gewerkschafter Josef Muchitsch. Auch Mitterlehner beklagte diese Entwicklung, hält aber die vielfach geforderte Rückkehr der Zweckbindung für unrealistisch. "Die Länder haben sich festgelegt, eine andere Willensbildung zu erreichen ist kaum möglich."

Das Vorziehen bereits geplanter Bauprojekte hält der Wirtschaftsminister dennoch für sehr sinnvoll. Um die Bautätigkeit in Österreich besser zu koordinieren, hat Mitterlehner die Landesräte zu einem Treffen am 19. Juni eingeladen.

Warnung vor Aushöhlung

Entscheidend sei außerdem, das System der Gemeinnützigkeit, das sich gerade in der Krise bewährt hat, vor finanzieller Aushöhlung und strukturellem Abbau zu schützen. In Deutschland habe sich die Aufhebung der gesetzlichen Gemeinnützigkeit vor 20 Jahren als "strategischer Fehler" erwiesen, sagte Jürgen Steinert, der ehemalige Präsident des Bundesverbandes Deutsche Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW).

Aber auch in Österreich "laufen die Kurzzeitgeister herum und schauen, wo es etwas zu holen gibt" , warnt Wurm. "Das sind Leute, die meinen, wenn ein Haus ausfinanziert ist, dann soll keine Miete mehr verlangt werden dürfen, denn die Gemeinnützigen haben eh so viel Geld. Das sind Zerstörer stabiler Strukturen." (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.6.2009)

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    bild: oliver schopf
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