Die Versuche zur Rettung von Arcandor

9. Juni 2009, 13:52
posten

Fünf Jahre nach abgewendeter Insolvenz steht der Konzern erneut vor der Pleite

Berlin - Im folgenden eine Chronik der Rettungsversuche:

2004: Die damalige KarstadtQuelle kämpft mit anhaltenden Umsatzeinbrüchen und Verlusten. Vorstandschef Wolfgang Urban nimmt im Juni seinen Hut. Auf den Chefsessel rückt Versand-Vorstand Christoph Achenbach. Er gilt als Vertrauter der Schickedanz-Familie, dem größten Einzelaktionär des Konzerns. Der ehemalige Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff übernimmt den Aufsichtsratsvorsitz. Achenbach verordnet dem Konzern eine Radikalkur mit Verkäufen von Unternehmensteilen, Stellen- und Gehaltskürzungen. Eine Kapitalerhöhung über 500 Mio. Euro rettet den Konzern vor der Insolvenz.

2005: Achenbach muss gehen, weil die Sanierung nicht recht vorankommt. Middelhoff übernimmt im Mai das Ruder. Er stößt den Verlustbringer Neckermann, die Einzelhandelsketten SinnLeffers, Hertie und Wehmeyer sowie Spezialversender ab, streicht im Versandhandel 5.000 Stellen und verkauft die Immobilien, um die Schulden zu senken. Die Touristiksparte baut er hingegen aus.

2008: Die Probleme holen Middelhoff ein. Die Warenhäuser und der Umbau reißen den nun unter Arcandor firmierenden Konzern tief in die roten Zahlen. Erst nach langem Tauziehen einigt sich der Konzern mit seinen Banken über dringend benötigte Kredite. Die Privatbank Sal. Oppenheim schießt über eine Kapitalerhöhung 59 Mio. Euro zu und steigt durch den Kauf eines größeren Aktienpakets des Schickedanz-Pools zum größten Aktionär auf. Eine Trennung von der Ertragsperle Thomas Cook verwirft Arcandor in der Folge wieder. Mitarbeiter machen Lohnzugeständnisse, wieder werden Stellen gestrichen.

Dezember 2008: Arcandor gibt bekannt, dass Middelhoff sein Amt niederlegt und der damalige Finanzchef der Deutschen Telekom, Karl-Gerhard Eick, das Ruder beim Essener Konzern zum März 2009 übernimmt.

März 2009: Eick übernimmt den Chefsessel. Auf der Hauptversammlung wirbt er um das verloren gegangene Vertrauen der Anleger. Kosten senken, das operative Geschäft verbessern und vor allem Geld verdienen - das sind seine Ziele. Die Finanzierung will er mittelfristig stabilisieren und die Liquidität nachhaltig sichern. Den Konzernverlust von 746 Mio. Euro nennt er "beunruhigend".

April 2009: Arcandor bestätigt, dass Eick in Berlin Gespräche über Staatshilfen führt. Wenige Tage später stellt der Konzernchef sein Konzept vor, mit dem er den schlingernden Konzern finanziell auf solide Beine stellen will.

13. Mai 2009: Konkurrent Metro signalisiert, an der Lösung der Karstadt-Probleme mitwirken zu wollen. Es gehe aber nicht um eine Übernahme. Metro spricht sich gegen staatliche Hilfen für den Rivalen aus.

15. Mai 2009: Arcandor gibt bekannt, um öffentliche Bürgschaften über 650 Mio. Euro aus dem Deutschlandfonds der Bundesregierung sowie einen staatlichen Kredit zu ersuchen.

21. Mai 2009: Bei einem Spitzentreffen kommen Eick und Metro-Chef Eckhard Cordes überein, dass eine Fusion ihrer Warenhausketten "ein vernünftiger Weg für die Zukunft der Warenhäuser in Deutschland sein kann".

27. Mai 2009: Der deutsche Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagte eine zügige Prüfung des Bürgschaftsantrags zu. In der Politik herrscht Uneinigkeit, ob die Voraussetzungen für Staatshilfe aus dem Deutschlandfonds gegeben sind.

3. Juni 2009: Die EU-Kommission sieht keine Grundlage für die beantragte Bürgschaft beim Bund, weil die Probleme des Konzerns nicht erst mit der Finanzkrise begonnen hätten. Guttenberg rät Eick, auch andere Möglichkeiten zu prüfen.

4. Juni 2009: Guttenberg und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel machen deutlich, dass sie jenseits der Staatshilfe nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sehen. Sie wollen, dass Eigentümer und Banken mehr Verantwortung übernehmen. Für Arcandor steigt der Druck mit Metro über eine Kaufhausfusion zu sprechen.

5. Juni 2009: Arcandor beantragt zusätzlich einen Beihilferettungskredit. Die deutsche Regierung berät mit Unternehmens- und Bankenvertretern über Wege zur Rettung.

7. Juni 2009: Die Spitzen von Metro und Arcandor sowie der Deutschland-Chef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius, und der persönlich haftende Gesellschafter von Sal. Oppenheim, Friedrich Carl Janssen, sprechen über Möglichkeiten einer Warenhaus AG.

8. Juni 2009: Der Lenkungsausschuss des Bundes lehnt die beantragten Hilfen aus dem Deutschlandsfonds wie erwartet ab. Die Bundesregierung räumt dem Konzern noch eine Chance ein, kurzfristig einen neuen verbesserten Antrag für einen Rettungsbeihilfekredit einzureichen. Arcandor bemüht sich um weitere Zugeständnisse von Gesellschaftern, Banken und Vermietern.

9. Juni 2009: Der Arcandor-Vorstand berät die in der Nacht erzielten Ergebnisse mit Eignern, Banken und Vermietern. (APA)

 

 

Share if you care.