"Nur fünf Prozent verstehen, worum es geht“

9. Juni 2009, 16:38
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    ap photo/thomas kienzle

    Politologe Gerlich: Ein Wahlergebnis ist demokratisch legitimiert, selbst "wenn die Wahlbeteiligung nur fünf Prozent betragen würde".

An der EU-Wahl am vergangenen Sonntag nahm nicht einmal die Hälfte der Wahlberechtigten teil – Politologe Gerlich sieht dabei kein Problem

Stimmen haben alle Parteien verloren. Vergleicht man die EU-Wahl mit der Nationalratswahl, konnte keine Partei auch nur annähernd ihr Potenzial ausschöpfen. Grund dafür ist die Wahlbeteiligung. Bei den Nationalratswahlen lag sie bei 78,8 Prozent, am vergangenen Sonntag stimmten nur 42,4 Prozent der Stimmberechtigten ab - genauso viele wie bei der vorherigen EU-Wahl im Jahr 2004. Mit Auszählung der Briefwahlstimmen wird der Anteil der abgegebenen Stimmen immerhin steigen, gemessen am Anteil bei heimischen Wahlen ist er dennoch mickrig. 

Der Wahlsieger ÖVP lockte rund 500.000 Wähler und Wählerinnen weniger als bei der vergangenen Wahl an die Wahlurnen: Statt 1.269.656 Stimmen erreichte die Volkspartei nur 784.245. Für Platz Eins mit Respektabstand zur SPÖ hat es dennoch gereicht. Nur rund 630.000 gaben den Sozialdemokraten ihre Stimme, im September kürten noch 1.430.206 Werner Faymann zum Kanzler.

Motiv: Desinteresse

Für den Politologen Peter Gerlich ist das keine Überraschung. "Europawahlen sind von vornherein Wahlen, bei denen nur fünf Prozent der Österreicher verstehen, worum es geht." Er sieht keine Politikverdrossenheit, sondern schlichtes Desinteresse als Hauptmotiv für das Nichtwählen. An den meisten ginge der Wahlkampf "einfach vorüber". Die Nichtwähler müssen der EU auch gar nicht negativ gegenüberstehen, meint Gerlich. "EU-Skeptiker wählen eher Martin oder die anderen EU-kritischen Parteien, da gibt es ja eine breite Palette."

Mangelnde Mobilisierung in allen Lagern

Tatsächlich konnte keine Partei auch nur annähernd ihr Potenzial vom Herbst mobilisieren. Nicht die EU-freundlichen Grünen, die statt 509.936 Stimmen bei der Nationalratswahl diesmal nur noch 251.031 Mal gewählt wurden. Auch nicht die EU-Kritiker von FPÖ und BZÖ. Die Blauen, mit der Verdoppelung ihres Stimmenanteils eigentlich einer der Wahlsieger, konnte trotz aggressiven Wahlkampfs und klarer Anti-EU-Linie nur 345.624 anstelle von 857.027 Stimmen im Herbst erreichen. Das BZÖ wählten diesmal nur 122.983 Stimmen, im September waren es noch 522.933 gewesen.

"Wir liegen im europäischen Trend. Unsere Wahlbeteiligung ist nicht unbedingt etwas Besonderes, in der Slowakei liegt sie sogar nur bei 20 Prozent." Niemand wisse so wirklich, warum man zusätzlich zu Landtags-, Bundespräsidenten und Nationalratswahlen noch eine Wahl abhalten müsse, bei der es ohnehin nur um nationale Fragen geht: Wer von den Parteien ist sozialer, welche tritt stärker für Sicherheit ein?

Auch Fünf Prozent kein Problem

Ein demokratiepolitisches Problem sieht Gerlich durch die geringe Wahlbeteiligung nicht. "Diejenigen, die an der Wahl teilnehmen, treffen die demokratische Entscheidung. Alle, die nicht teilnehmen, übertragen ihre Stimmen auf die Teilnehmer. So ist einfach die Demokratie." Daher sieht Gerlich in der geringen Wahlbeteiligung keine Probleme, selbst "wenn sie nur fünf Prozent betragen würde".

Aber so weit wird es laut Gerlich nicht kommen. Er vermutet, dass die Wahlbeteiligung wie in diesem Jahr weiter langsam, aber sicher steigen wird. "Die Bedeutung der EU nimmt zu. Viele wesentliche Entscheidungen werden zum Beispiel in der Wirtschaftspolitik auf EU-Ebene gefällt. Die Menschen werden Europa allmählich besser verstehen." (saju, chb, derStandard.at, 9. 6. 2009)

Kommentar posten
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werwolfi
11
11.6.2009, 14:13

wo waren im wahlkampf die metergroßen plakate auf denen steht:

"gut 2/3 der österreichischen gesetze werden in der EU gemacht"???

wenn man die EU zwischen den wahlen grundsätzlich nur als wohlfeilen sündenbock benutzt, darf man sich nicht wundern, dass die wähler das nicht plötzlich für einen tag vergessen und zu glühenden EU-fans mutieren, die in hellen scharen ihr wahlrecht wahrnehmen...

bei der erbarmungswürdigen kommunikation der tatsächlichen wichtigkeit der wahlen zum EP ist die wahlbeteiligung in wirklichkeit eine sensation.

leberkasi
03
10.6.2009, 17:34
so lange die meisten nicht kapieren...

...dass "WIR" gleichzeitig auch "dieEU" sind, wird sich nichts ändern.

werwolfi
10
11.6.2009, 14:14

exakt.

solange allerdings unsere politische elite (?) immer "wir" und "die in brüssel" (i.a. in verbindung mit einer schuldzuweisung) sagt, wird sich das nicht ändern.

Wolf_001
 
01
10.6.2009, 14:03

Ich finde es mühsam, dass man sich Infos über Entscheidungen/Abstimmungen/EU-Partein... mühevoll aus dem Internet zusammenkratzen muss!

Es sollte doch EU weit, genug Geld vorhanden sein, um einen EU-weiten Fernsehsender einzurichten, der jede Aktion des Paralments überträgt.






Si Psu
 
00
10.6.2009, 16:08

hm...euronews macht so was ähnliches schon seit jahren..freilich nicht ständig das parlament, aber eu spezifische nachrichten und beiträge...wenn man will, bekommt man information

Affe,Schaf und Wurm
11
10.6.2009, 13:32
*GG*

"Wanns mi frogn san fünfaneinzg prozent von de wöhla, vastehns?, san von denan hundat prozent trottln"

grün hinter den OHREN1
123
10.6.2009, 12:57
na hauptsache

die grünen werden nicht zu stark...sonst wars das mit der EU. auf anarchie, genderwahns*nn und totalitäre regierungsform habe ich keine lust !

kautz
 
00

mich wundert immer, woher man solch ein "wissen" haben kann.. ist das alles einbildung oder mitglied bei der FPÖ? ..wo einem das ins gesicht ge"schmiss"t wird..

floh803
01
11.6.2009, 15:57
ich geb da mal grün...

das Posting zeigt immerhin eindrucksvoll wie leute "denken", die nicht grün wählen

werwolfi
00
11.6.2009, 14:16

ich hoffe es ist noch nicht zu spät für dich und diese eigenartige form der paranoia ist irgendwie behandelbar...

El Chó
01
10.6.2009, 13:41

...totalitäre Regierungsform ist ja wirklich ein Markenzeichen der Grünen, gell?
Da doch lieber die basisdemokratischen Rechstextremen.

Schlimm, dass Leute wie Sie wählen dürfen...

Affe,Schaf und Wurm
05
10.6.2009, 13:28
Stimmt

...dann schon lieber rechte Recken aus allen Ecken die nicht mal kapieren haben was die Trennung von Staat und Kirche bedeutet und für generelle Verneinung aller Weltoffenheit stehen... und das 2009...

Wenigstens können wir alle 2012 so super Rechtschreiben wie die Wahlplakatpoeten von der F...

NaWerSagtsDenn
02
10.6.2009, 13:25
Der Titel des Artikels

sagt alles über Ihr posting.

ariel seligman
00
10.6.2009, 12:39

allen die wirklich intelligente analysen lesen möchten, warum die linke europaweit so versagt hat und warum es soviele nichtwähler gibt, empfehle ich die heutige Libération (mit beiträgen von etlichen führenden europäischen intellektuellen und überraschenden einsichten) und einen essay von peter sloterdijk in der heutigen FAZ.

http://sos.teilchen.at/
01
10.6.2009, 12:39

was nützt eine EU Parlamentswahl, wenn man damit die Kommission (=Regierung) nicht abwählen kann und nachher denselben Barrosso-Schmarrn hat wie vorher.

noch dazu hat das Parlament kein Initiativrecht (derzeit)
und selbst wenn das Parlament mehr zum sagen hat:
Ö hat 18 Mandatare
D hat 99 Mandatare
so viel zum Ungleichgewicht. D alleine kann somit jede Forderung von Ö locker abblitzen lassen.

der Lissabon Vertrag ist auch keine Lösung: schließlich hätte nicht jedes kleine Land einen Kommissar. Und Österreich könnte in einer 5-Jahres Periode dazugehören. das würde bedeuten, dass alle anderen Länder über Ö bestimmen, was zu nun Gesetz werden soll.

werwolfi
00
11.6.2009, 14:20

daher gibt es ja auch den lissabon-vertrag, der selbst auch nur ein erster schritt zu mehr demokratie und wirklich brauchbaren institutionen in der EU sein kann - man darf nicht vergessen, dass ursprünglich keine politische union geplant war und die momentanen strukturen z.t. altlasten aus dieser zeit darstellen.

aber nicht zur wahl zu gehen nutzt da erst recht nichts, da wir ein starkes EP brauchen wenn die reformen weiter in die richtige richtung vorangetrieben werden sollen.

Justitia Austria
02
10.6.2009, 15:54
Abwahlmöglichkeiten und Ungleichgewichte

Die Kommission muss vom Parlament bestätigt werden. Der Chef der EU-Kommission, ein gewisser Herr Barroso, ist ein Konservativer. Durch eine saftige Wahlniederlage für die Konservativen wäre Barroso de facto abgewählt worden.
Es ist aber das Gegenteil eingetreten. Die Kräfte links der Mitte haben in Summe verloren, die konservativen und rechten Kräfte zugelegt. Daher ist die Bestätigung für eine konservativ dominierte EU-Kommission reine Formsache.

Zum Ungleichgewicht im EU-Parlament:
Ö hat ca. 8,2 Mio. Einwohner.
D hat ca. 82 Mio. Einwohner, d.h. ungefähr das Zehnfache.
Wenn Ö 18 Abgeordnete hat, müsste D eigentlich 180 haben. Sie haben aber "nur" 99.

Stefan Maly
01
10.6.2009, 15:30

barroso's unterstützer haben aber auch die mehrheit erhalten - er wurde also auch gar nicht abgeholt.

und dass D 10 mal so viele einwohnerInnen wie ö hat und nur 5 mal soviele abgeordnete, wissen Sie hoffentlich. wenn also wer jammern kann, dann D.

Nukular-Spezialist
00
10.6.2009, 14:24

Der Vertrag von Lissabon würd dem EU-Parlament das Recht geben, die Kommission abzuwählen und er würde das Ungleichgewicht zwischen .at und .de verringern (kleineres Parlament aber mehr Abgeordnete für .at).

Aber grundsätzlich: Was ist Ihre Kernaussage? Austreten aus der EU, damit uns keiner drein reden kann? (Darauf lauft sichs nämlich hinaus. Denn es ist der Sinn der EU, dass sich die verschiedenen Länder gegenseitig drein reden können und damit zu einem wesentlich besseren Ergebnis bzw. einer besseren Politik kommen. Was ja auch ziemlich gut funktioniert, wenn man was anderes als die Krone liest.)

Cerny
00
10.6.2009, 12:36
Verstehen -

Verstehen Bürger/innen die Politik und versteht die Politik die Bürger/innen? Liegt etwa beides bei 5%? Politiker/innen sind Dienstleister der Menschen. Der permanente Druck des Stimmenfangs aber läßt wohl keine Zeit für politische Bildung, was nicht gerade förderlich zur Vertrauensbildung in die Politik beiträgt. Eigentlich ein gefährliches Dilema. Was tun?

El Chó
01
10.6.2009, 12:33
In einem Land...

...wie diesem, in dem bei der Wahl zum Bundespräsidenten eine Mehrheit glaubt, sie wähle den Regierungschef drängt sich bei mir der Verdacht auf, dass die 5%-Schätzung nicht nur für die EU-Wahl gilt.

Ansich bin ich ein sehr demokratischer Mensch aber in Österreich denke ich mir immer wieder: wir brauchen einen Wahl-Führerschein.

cannery row
10
10.6.2009, 11:06
soviel zur freude mancher über das eigentlich schlechte abschneiden der fpö..

gerade die f-wähler sind es vermutlich, welche die wahl ausgelassen haben. das wird bei einer bundeswahl anders sein. dann werden die eher "verstehen", worum es geht..

Andreas Hütter
29
10.6.2009, 10:30
"Nur fünf Prozent verstehen, worum es geht“

Wobei Gerlich natürlich davon ausgeht, ein Lichtträger dieser ominösen "fünf Prozent" zu sein. Nur was heißt "verstehen"? Einer, der auf Substandard in Ottakring wohnt "versteht" die Welt anders, als Gerlich in seiner Gelehrtenstube in der Wiener Vorstadtvilla.

Mucosaprolaps
01
10.6.2009, 15:22

Zuviele Unterschichtler - das meinst du wohl mit "Ottakring"? - interessieren sich schlicht nicht für die EU-Wahl: Das sind "die andren", "die da oben", die "Bonzokratie", da "geht man nicht hin". Und das ist a) zutiefst betrüblich b) Schuld u.a. der FP, der ÖVP mit ihrem Sanktionen-Gewäsch, der VP-Politiker, die die EU so gern als Sündenbock nutzen.

Susanne_B
02
10.6.2009, 12:11

Fragen Sie mal vor einer Wahl, was gewählt wird bzw. welche Kompetenzen der zur Wahl stehende Körper hat. Da kann man sich glücklcih schätzen, wenn man nur hört, dass gerade die Bundesregierung gewählt wird. Da wird dann zB auf Bezirksebene nciht grün gewählt, weil die ja "für Asylanten" sind.

Tatsache ist: die meisten Wähler wissen nciht, was sie wählen.

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