Karas mobilisierte potenzielle SP- und Grün-Wähler

9. Juni 2009, 12:36
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ÖVP-Meinungsforscher Ulram: Strasser außerhalb der Stammwähler "polarisierende Persönlichkeit" - Kaltenegger: "Wahlkampfmotor schnurrt wieder" - Lässt EU-Kommissar Karas offen

Wien - Das Vorzugsstimmen-Duell um den ersten Listenplatz hat der ÖVP offenbar auch Stimmen gesichert, die sonst an SPÖ und Grüne gegangen wären. Davon geht ÖVP-Meinungsforscher Peter Ulram vom Fessel-GfK-Institut angesichts der Ergebnisse einer Nachwahlbefragung aus. Für ÖVP-Generalsekretär Fritz Kaltenegger ist damit aber weiterhin nicht gesagt, dass Karas neuerlich ÖVP-Delegationsleiter im EU-Parlament wird, wie er bei einer Pressekonferenz mit Ulram am Dienstag betonte. Sein Schluss aus der gewonnenen EU-Wahl: "Der Wahlkampfmotor schnurrt wieder in der ÖVP."

Karas hält derzeit bei knapp über 90.000 Vorzugsstimmen (Tirol und das Burgenland sind noch ausständig) und wird damit noch vor Spitzenkandidat Ernst Strasser am ersten Listenplatz der ÖVP ins EU-Parlament einziehen. Eine Vorentscheidung über die ÖVP-Delegationsleitung in Brüssel bedeutet das für Kaltenegger aber nicht. "Keine einzige Stimme ist abgegeben worden, um irgendwen in eine Position zu bringen", deponierte der VP-Generalsekretär. Die Entscheidung darüber liege bei der ÖVP-Delegation - also bei den sechs Abgeordneten.

"Symbolischer Akt"

Ulram hatte zuvor unter Berufung auf eine Nachwahlbefragung im Auftrag der ÖVP betont, dass eine Vorzugsstimme für Karas für viele ÖVP-Wähler ein "symbolischer Akt" gewesen sei, um eine Pro-Europa-Position ohne auch nur das geringste Wenn und Aber zu dokumentieren. Spitzenkandidat Strasser sei zwar für das ÖVP-Stammpublikum wichtig, aber für für viele andere Wähler eine "polarisierende Persönlichkeit" gewesen. Karas sei zur Mobilisierung von Wählern, die andernfalls Grüne oder SPÖ gewählt hätten, daher "ungeheuer wichtig" gewesen.

Gleichzeitig betonte Ulram, dass es den Karas-Wählern zwar nicht um die Frage der Delegationsleitung gegangen sei, wohl aber um "erkennbare Position" ihres Kandidaten im EU-Parlament. Kaltenegger versicherte denn auch, man werde sich bemühen, "unsere besten Leute" in Brüssel so zu positionieren, dass die Handschrift der ÖVP bestmöglich zum Ausdruck komme. Ob das auch einen EU-Kommissar Karas bedeuten könnte, ließ Kaltenegger offen. Er wolle keine Namen nennen, zumal noch nicht einmal der Kommissionspräsident bestellt sei, betonte der VP-Manager, aber: "Dass Othmar Karas wie viele andere in der ÖVP über Erfahrung verfügt, über ein entsprechendes Standing, das ist unbestritten."

"Gewisse Genugtuung"

Insgesamt wertet Kaltenegger die EU-Wahl vor allem als Erfolg von Parteichef Josef Pröll. "Es ist selbstverständlich auch sein Verdienst, dass es in der kurzen Zeit nicht nur gelungen ist, die Partei neu aufzustellen, sondern auch Nummer eins bei der Europawahl zu werden." Die Kommunikation zu Landes- und Teilorganisationen sei verbessert worden, der Wahlkampfmotor der ÖVP funktioniere wieder. Eine "gewisse Genugtuung" empfinde er auch darüber, dass die FPÖ mit 13 Prozent weit unter den Erwartungen geblieben sei und die "Hetze" nicht gefruchtet habe.

Ulram betonte, die "Pro-Europäer" hätten überwiegend ÖVP gewählt, außerdem sei die Volkspartei bei den Unter-30-Jährigen stärkste Partei. Es sei also "kein Naturgesetz, dass die Jungen die FPÖ wählen. Angesichts des Strukturwandels der Wählerschaft (nur noch 20 Prozent können sich eine Stimme für ausschließlich eine Partei und für keine andere vorstellen) sieht Ulram für beide Großparteien noch Potenzial - und zwar sowohl nach unten wie nach oben, wie er betonte: "Zwischen 20 und 45 Prozent ist alles drin für die großen Parteien." (APA)

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