Möglicher Justizirrtum: Verurteilter kam frei

9. Juni 2009, 19:11
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Oberlandesgericht ließ Mann enthaften, der wegen Mordversuchs vor Gericht stand

Wien / Wiener Neustadt - Jener 39-jährige Mödlinger, der im Dezember 2007 in Wiener Neustadt wegen versuchten Mordes an seiner Ehefrau rechtskräftig zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden ist, befindet sich auf freiem Fuß. Erst vor

wenigen Wochen erreichte er eine Wiederaufnahme seines Verfahrens, am Dienstag leistete das Wiener Oberlandesgericht (OLG) einer Haftbeschwerde Folge, die Karin Prutsch, die Anwältin des Mannes, eingebracht hatte.

Gleichzeitig ordnete das OLG die sofortige Enthaftung des 39-Jährigen an. Die Entscheidung steht im deutlichen Widerspruch zur Rechtsansicht der Justizbehörden in Wiener Neustadt. "Aufgrund der Ereignisse, die zur Wiederaufnahme geführt haben, kann der dringende Tatverdacht nicht aufrechterhalten werden", sagte OLG-Sprecher Raimund Wurzer auf Nachfrage des Standard.

Die Staatsanwalt Wiener Neustadt bestätigte am Dienstag, dass der Beschuldigte enthaftet worden ist. Das Verfahren wird neu aufgerollt.

Ungeklärter Tathergang

Der Mödlinger war Ende 2007 des versuchten Mordes an seiner Ehefrau schuldig gesprochen worden. Dem Urteil nach soll er in betrunkenem Zustand versucht haben, seine Frau von hinten zu erdrosseln, was er aber stets abstritt. Er behauptete, von seiner Frau mit einem Messer angegriffen worden zu sein. Ihre Würgemale begründete er mit seiner Gegenwehr: Vorerst erfolglos - die Geschworenen glaubten der Version seiner Frau. Sie sagte aus, ihr Mann habe sie von hinten gepackt und mit einem Seil gewürgt, worauf sie in Notwehr zu einem Messer gegriffen und rückwärts ihrem Mann in den Rücken gestochen haben will.

Erst ein Privatgutachten, das von der Anwältin eingebracht wurde, leitete die Wende ein. Laut medizinischem Sachverständigen stimmen die Stichverletzungen des Mannes nicht mit dem von seiner Frau geschilderten Tatablauf überein. Er widerspricht damit dem vom Gericht bestellten Gutachter, der daraufhin seine Ausführungen relativierte.

Die Staatsanwaltschaft hat neue Untersuchungen angeordnet und das Institut für Rechtsmedizin in Bern mit der Erstellung einer computeranimierten 3-D-Rekonstruktion beauftragt. So könnte ein nochmaliger Lokalaugenschein mit einer Tat-Rekonstruktion angeordnet werden. Von den Ergebnissen der Untersuchung wird abhängen, ob gegen den Mann neuerlich Anklage erhoben wird. Bis dahin bleibt er auf freiem Fuß. (Marie-Theres Egyed, DER STANDARD Print-Ausgabe, 10./11.06.2009)

 

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