Analyse zur EU-Wahl

Fragen zum "schwarzen Kontinent Europa"

8. Juni 2009, 21:14

Konservative haben vielerorts gewonnen, oft ist es jedoch ein Sieg mit wenig demokratischer Legitimation

Ist die Stärke der Konservativen bloß die aktuelle Schwäche der Sozialdemokratien? Oder trauen die Wähler in der Europäischen Union den Schwarzen in der Wirtschaftskrise tatsächlich mehr über den Weg als den Roten? Mit den am Sonntagabend bekanntgegebenen Wahlergebnissen sind diese Fragen nicht ganz so ohne weiteres zu beantworten.

Ein interessanter Punkt ist, dass bei den Europawahlen vor zehn Jahren die Sozialdemokraten drauf und dran waren, das Parlament in Straßburg zu übernehmen. Damals herrschte nach einer Wirtschaftskrise wieder Hochkonjunktur, die Stimmung war bestens - und wendige Sozialdemokraten neuen Typs wie Tony Blair und Gerhard Schröder regierten einen bis auf wenige Mitgliedsstaaten rot eingefärbten Kontinent. Jetzt dagegen ist die Stimmung trüb, der Abschwung hat eine nie da gewesenen Dimension angenommen und prompt schlägt das politische Pendel in die andere Richtung aus.

"Es gibt keine Nachfrage nach radikalem Wandel", schreibt demgemäß auch Daniel Gros, der Direktor des Centre for European Policy Studies, in einem aktuellen Kommentar für die renommierte Denkwerkstatt in Brüssel. Die amtierenden konservativen Staats- und Regierungschefs der großen EU-Ländern (Deutschland, Frankreich und Italien) könnten sich in ihrer Politik bestätigt sehen. Sie würden die Reformen des Wirtschaftssystems weiterhin langsam vorantreiben und keinerlei Instabilität riskieren. Aus Brüssel seien keine epochemachenden Initiativen zu erwarten, dafür werde auch die Wiederbestellung des konservativen Kommissionschefs José Manuel Barroso sorgen.

So gesehen spricht in der Tat einiges dafür, dass die Wähler den Konservativen ihr Vertrauen aufgrund deren Wirtschaftskompetenz ausgesprochen haben.

Andererseits kommen auch die Bürgerlichen in wenigen Mitgliedsstaaten - wie in Spanien, Deutschland, Ungarn oder Italien - auf einen Prozentsatz an Zustimmung, der einer "Volkspartei" geziemt. In Frankreich etwa oder auch in Großbritannien blieben sie als stärkste Kraft unter 30 Prozent.

Dass die Sozialdemokraten vor allem dort noch schlechter abgeschnitten haben, hängt mit der Zersplitterung des Parteienspektrums zusammen und eher weniger mit der Aura der Unbesiegbarkeit im bürgerlichen Lager. In Frankreich tummelten sich diverse Linksableger bei den Wahlen und die Grünen fuhren einen epochalen Sieg ein. In Großbritannien verlor Labour an grobschlächtige Protestparteien vom Schlage der United Kingdom Independence Party und der British National Party. Auch Österreich mag hier als gutes Beispiel dienen.

Der Sieg der Konservativen in weiten Teilen Europas relativiert sich aber auch angesichts der Wahlbeteiligung: In Ungarn etwa, wo der Bund Junger Demokraten, Fidesz, einen beeindruckenden Wahlsieg gelandet hat, relativiert diese einiges. Die gut 50 Prozent der abgegebenen Stimmen für Fidesz entsprechen - bei 36 Prozent Wahlbeteiligung - nur 18 Prozent Zustimmung aller Wahlberechtigten zur Europawahl.

Aus dieser Perspektive sieht die Rede vom "schwarzen Kontinent Europa" doch deutlich anders aus. Die drängendste Frage ist dann nicht mehr, ob die Konservativen oder doch die Sozialdemokraten die Oberhand in der Union haben, sondern eher jene, wie denn dieses europäische System sein eklatantes und bei jeder Wahl zunehmendes Legitimationsdefizit loswerden könnte. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2009)

 

Kommentar posten
14 Postings
qummunismus.at
00
10.6.2009, 17:02
der neoliberalismus wurde abgestraft.

die neoliberalen parteien haben verloren. allerdings fast nur die sozialdemokraten und kaum die konservativen. d.h. meines erachtens verschiedene gruende aber ich denke dass die SP waehlerInnen hier etwas schlauer waren: die haben den braten eher gerochen. wer dumm genug ist eine partei zu waehlen die noch nie etwas anderes gemacht hat ausser die interessen des kapitals zu vertreten der/die tut sich auch schwer zu verstehen dass es diese kraefte waren die uns die jetztige krise eingebrockt haben... aber frueher oder spaeter werden die das auch merken. zu hoffen waere dass es dann fuer diese waehlerInnen entsprechende linke angebote gibt und diese nicht den rechtsextremen zulaufen. siehe auch:

http://qummunismus.at/p/a71

q.

Nissia
00
12.6.2009, 22:59

der prohibitionnismus wurde abgestraft (auch neo-liberalismus: verlagerung der steuergelder auf die Pharmaindustrie mit Champix und Zaban, die zugleich zimelich die lebensgefährlichsten Mittel am markte sind.

Und mit dem nutzlosen aber lukrativen pharmanikotin.

diamant
01
10.6.2009, 10:17
Eine gleiche, freie und demokratische Wahl hat auch dann KEIN Legitimationsproblem

wenn niemand hingeht!
Da haben eher schon die Waehler ein Problem ihres politschen Bewusstseins!

peter schmidt
 
10
nana jetzt nicht gleich durchdrehen

die christilich sozialen haben auch kaum gewonnen eher nur stimmen verloren.

27 prozent in großbritannien und überhaupt recht einheitlich zwischen 25-35 prozent legen für mich nicht unbedingt eine "dominanz" der christlich sozialen dar.

klar ist das die sozialisten fast überall verloren haben.

in manchen ländern die ansonsten ein mehrheitswahlrecht haben wurde die europawahl wohl auch vom bürger genützt mal eine stimme für die kleinen abzugeben die nicht verloren ist.

universaldilettant aka iq007
 
01

Der Kommentar hat einen Grünen Hintergrund. Warum?

Hoinz
 
01
Browsereinstellung?

Gerhard Grabner
01
Die EU wird als Eliteprojekt wahrgenommen...

und daher gehen nur Eliten zur Wahl und die w'hlen dementsprechnd schwarz.

DeepThroat
 
05
peinliche analyse

"Die gut 50 Prozent der abgegebenen Stimmen für Fidesz entsprechen - bei 36 Prozent Wahlbeteiligung - nur 18 Prozent Zustimmung aller Wahlberechtigten zur Europawahl."
- ich finde es schon etwas erbärmlich, wenn man mal anfangen muss, so zu "argumentieren"

E.B.
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diese einschätzung teile ich im wesentlichen.


die stärke der schwarzen belegt bloß, daß es noch immer viele menschen gibt, die noch immer viel zu verlieren haben und die keinen anderen weg sehen, als weiterzumachen wie bisher. sie verstehen die fehler nicht und auch nicht, daß ihre wünsche und ziele die ursache des problems sind.

die anderen sind zu inhomogen und viele stimmen sind aufgrund der nationalen wahlfilter von der eigentlich angestrebten fraktion abgeschnitten worden oder wegen der dadurch gegebenen hürden sogar verloren gegangen.

das erzeugt zusätzlich zu der wegen der wirtschaftskrise ohnehin brodelnden unzufriedenheit frustration und zorn, der logischerweise den radikalen rechten zugute kommt, weil sie die einzigen sind, die diese durch den rost gefallenen aufsammeln.

der bobo aus dem 7.
13
daher fordere ich...

..uneingeschränkte zuwanderung..dann wird alles gut..

wir trommeln auf den straßen
die pensionszahler erhalten uns
die eliten werden eliminiert
und deutsch wird abgeschafft, schon oma hat das gehasst..

ich find, da könnt ich bald chefin der grünen werden, vorher muss ich aber noch was chirurgisch entfernen lassen..

E.B.
01

hört sich mehr nach rhythmischer gymnastik für pensionisten in der vorstadt an. niederlassungsfreiheit ist sowieso längst eu-standard, abgesehen von wartefristen für neueintritte. welche sprache bevorzugen sie denn? ich glaub, wenn sie ihre anstößigen körperteile nicht allzu provokant herumbaumeln lassen, wird sich keiner dran stören. verhüllen ist auch nicht verboten.

hlg
03
schwul werden könnt auch helfen...

bevor so radikale mittel ergriffen werden...

hlg
00
eine mehrheit in vielen eu-ländern...

ist offenbar der meinung, daß das eu-parlament sowieso nach der präparierung von lobbies statt nach den wahlversprechen entscheidet...

und auch nichtversprechen wie in unserem fall ist keine lösung...

leftjustified
01

Das trifft aber auch auf das Ö Parlament zu.
Da sitzen heute auch schon die "Lobbisten" der Bauern, Lehrer und der Raika auf der schwarzen Seiten und gewisse Gewerkschaftsflügel auf der roten Seite drinnen.

Ok, in einem Parlament sollte ja die Bevölkerung abgebildet sein, aber es sitzen zB. bei weitem mehr Beamten in Österreich drinnen, als es ihr prozentueller Anteil an der Gesamtbevölkerung es zulassen würde.

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