Das Europa der "Zigeuner"-Verfolgung

8. Juni 2009, 18:53
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Der von den Nationalsozialisten an den Roma und Sinti begangene Völkermord und die aktuelle Lage der größten Minderheit Europas sind Themen eines Festivals in Salzburg

Salzburg - 51 Menschen aus dem Salzburger Sammellager Maxglan waren die vermutlich prominentesten Sinti im Dritten Reich. Die 51 Sinti wurden als sogenannte Kleindarsteller für Leni Riefenstahls Film Tiefland - in den Jahren 1940 und 1941 im deutschen Mittenwald gedreht - zwangsverpflichtet. "Danach wurden 25 nach Auschwitz-Birkenau, drei nach Ravensbrück und 13 nach Lackenbach deportiert. Das Schicksal der übrigen zehn ist noch ungeklärt", hat der Salzburger Historiker Gert Kerschbaumer recherchiert.

Für sechs Kinder der annähernd 230 im "Zigeunerlager" Maxglan Inhaftierten werden am 22. Juni Stolpersteine als dezentrale Mahnmale der Erinnerung am Platz des einstigen Lagers in den Boden eingelassen. Die Verlegung der Stolpersteine für die in Auschwitz-Birkenau ermordeten Sinti bildet den Abschluss einer mehrtägigen Veranstaltungsserie, im Zuge derer sich zahlreiche Salzburger Initiativen der Diskriminierung und Verfolgung von Europas größter Minderheit widmen. Insgesamt leben in Europa rund zehn Millionen Roma, acht Millionen davon in Staaten der EU.

Das freie Radio "Radiofabrik" beispielsweise wird zum Gedenken an die inhaftierten Roma und Sinti die Radiosendung Das "Zigeunerlager" Salzburg-Maxglan. Vorhof zum KZ zum auditiven Inhalt eines eigenen Hörmahnmals machen, das in Form einer kubistischen Skulptur im öffentlichen Raum seh- und hörbar wird. So wie die Assoziation eines Fuhrwerks den Bewegungswillen der fahrenden Völker repräsentiert, soll sich das Hörmahnmal durch die Stadt bewegen.

Verfolgung auf der Tagesordnung

"Die Verfolgung ist auch heute aktuell, Verfolgung mit pogromartigen Zügen" sei in Osteuropa längst wieder auf der Tagesordnung, beschreibt der Salzburger Filmemacher Hermann Peseckas die Lage der Roma in Osteuropa. Thema der Veranstaltungsserie sei nicht nur der Holocaust, generell könne der Antiziganismus, wie der in Analogie zum Begriff Antisemitismus gebildete Fachbegriff für "Zigeuner"-feindlichkeit lautet, "als eine Art kultureller Code der europäischen Mehrheitsgesellschaft bezeichnet werden".

Peseckas hat gemeinsam mit dem Verein freier Filmschaffender "Studio West" sowie Romavereinen in Ungarn, Rumänien und Bulgarien die Initiative "Videodrom" ins Leben gerufen. "Drom" heißt in Romanes "der Weg". Im Zuge dieses "Videoweges"wurden in osteuropäischen Romagemeinden Medienworkshops organisiert, im Zuge derer von Roma selbst dokumentarische Kurzfilme über ihre spezifischen Lebenswelten gedreht worden sind.

"Amen sam Roma"

"Nichts über uns ohne uns" lautet der Slogan der Initiative, die unter anderem mit Mitteln der von der EU-Komission ausgerufenen "Roma-Dekade 2005-2015" finanziert wird. Ziel ist es, die Kluft zwischen Roma und "Gadsche" (Nichtroma) zu verkleinern. Entstanden sind berührende Streifen wie Amen sam Roma ("Wir sind Menschen"), die im Rahmen eines eigenen Roma-Filmfestivals von 9. bis 12. Juni in der Arge Kultur zu sehen sind. (Thomas Neuhold/DER STANDARD-Printausgabe, 9.6.2009)

  • Damals wie heute: Millionen Roma und Sinti leben in Europa mit Diskriminierung, offenem Rassismus, sozialer Deklassierung und in der Agonie von Ghettos.
    foto: robert newald

    Damals wie heute: Millionen Roma und Sinti leben in Europa mit Diskriminierung, offenem Rassismus, sozialer Deklassierung und in der Agonie von Ghettos.

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