Happy End auf dem Klavierdeckel

8. Juni 2009, 17:10
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Jubelstürme nach der "Ariadne"-Premiere: Regisseur Josef Ernst Köpplinger gelingt die delikate Verschmelzung von Musik und szenischer Aktion

Wien - Im turbulenten Treiben des "Vorspiel" genannten ersten Teils von Ariadne auf Naxos taucht auch ein Mops auf. Was nicht bedeuten soll, dass die Volksoper auf den Hund gekommen ist: Das Publikum hat sich königlich amüsiert, nicht allein über den alsbald wieder verschwindenden Mops, sondern vor allem, da sich - die Rede ist noch immer vom Vorspiel - Musik und Aktion wie Nut und Feder unverkrampft ineinander fügten.

Der szenische Teil dieser Produktion wurde vom Stadttheater Klagenfurt übernommen, wo Inszenierungen, in denen Musik nahezu choreografisch umgesetzt wird, zu Hause zu sein scheinen. Schon Dietmar Pflegerl hat mit Tosca ein solches Meisterstück vollbracht; und Josef Ernst Köpplinger (als sein Nachfolger im Amt des Intendanten) hat es ihm mit dieser Ariadne gleichgetan.

Der Wirrwarr in diesem Vorspiel könnte nicht größer sein: Der reichste Wiener bestellt bei einem Komponisten eine Oper (Ariadne auf Naxos). Sie soll für seine Gäste am gleichen Abend aufgeführt werden wie eine heitere Tanzmaskerade. Erhebt sich zuerst noch die Frage, welches der beiden Stücke als erstes gespielt werden soll, macht Peter Matić durch seine mit geradezu olympisch kultivierter Distanz an das Personal weitergebene Anweisung seines Herrn, Tragödie und Komödie sollen gleichzeitig gespielt werden, das Chaos erst so richtig komplett.

Alle rennen durcheinander. Der Komponist (Adrineh Simonian) zerreißt unter mit festem Sopran gesungenen melodischen Wehklagen seine Noten, der Musiklehrer (Michael Kraus) sucht ihn mit firmem Bariton zu besänftigen, was aber erst Zerbinetta einigermaßen gelingt. Doch die Musik bringt Ordnung in dieses Chaos.

Das Spiel des von Axel Kober behutsam geleiteten Orchesters spiegelt sich geradezu in den szenischen Abläufen. Bis ins kleinste Detail werden Klangfarben, Motive und musikalische Stimmungen auch optisch realisiert. Wäre die Artikulation dieses ja überwiegend aus Österreich und Deutschland stammenden Ensembles ebenso elaboriert wie dessen Aktionen, könnte man von einer idealen Realisierung dieses Vorspiels sprechen. Was der Volksoper offenbar fehlt, ist ein Sprachcoach.

Tolle Stimmen

So müssen sich Urwiener von einer Amerikanerin zeigen lassen, wie man deutsche Partien singt. Meagan Miller hat nämlich ihre Ariadne - jetzt sind wir schon im zweiten Teil, bei der richtigen Oper - nicht nur mit aller Pracht ihres in allen Stimmlagen unerschöpflich belastbaren schönen Soprans ausgestattet, sondern auch so deutlich gesungen, dass man des in ohnedies nur recht blasser Leuchtschrift projizierten Textes gar nicht bedurft hätte. In Daniela Fally hatte sie eine ihr ebenbürtige Zerbinetta, die ihren von Strauss mit sehr rücksichtslos in die höchsten Höhen gesteigerten Koloraturpart nicht nur bravourös meisterte, sondern diesen auch mit genuiner Komik zu gestalten wusste.

Das war auch gut so, denn mit der Führung der komischen Gestalten tat sich der Regisseur schwerer. Harlekin (Daniel Schmutzhard), Scaramuccio (Christian Drescher), Truffaldin (Yasushi Hirano) und Brighella (Jörg Schneider) blieben teilweise sich selbst überlassen, was auch für die statischen Auftritte der Nymphen (Nicola Proksch, Eva Maria Riedl und Elisabeth Flechl) gilt. Köpplinger fokussierte die Handlung auf ein Klavier, auf dem Ariadne zunächst traurig lagert, bis sie von Bacchus, den sie zunächst für den Todesboten hält, gehörig aus der Depression gerissen wird. Michael Ende erweist sich dieser koitusähnlichen Begegnung auf dem Klavierdeckel gewachsen und stößt und stöhnt auch respektable Tenortöne hervor, die sogar einem James King mitunter nicht besser gelangen. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 09.06.2009)

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    Toller Mix aus Komik und virtuosen Koloraturen: Daniella Fally (als Zerbinetta) in Richard Strauss' Oper "Ariadne auf Naxos".

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