351.923 € Wochenlohn?

8. Juni 2009, 17:40
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Viele Kicker (Models, Popstars, Golfer) kassieren Woche für Woche - auch ohne Torerfolge - mehr als Manager oder Spitzenpolitiker im ganzen Jahr. Viel zu viel, unverdient und unbezahlbar, sagen keineswegs neidgelbe Fußballlegenden von Platini bis Beckenbauer. Sie zahlen zu wenig Steuern sagt Gordon Brown, um "eat the rich" zu verhindern. Dann kriegen sie nicht mehr genug, sagen die Agenten der Ballerinen. Drama um die Helden der kleinen Männer, I. Akt.

New Labour's Motto "making work pay" soll für alle, doch für reiche Kicker bald ein bisserl weniger gelten. Ob ein Christiano Ronaldo nun 351.923 Euro ("Format") oder "nur" 125.000 Pfund ("Financial Times") verdient - wöchentlich, auch wenn er kein Tor schießt: Profifußballer müssen wie andere Spitzenverdiener ab 2010 nicht mehr wie bisher nur den halben Steuersatz, sondern ab 150.000 Pfund (170.300 €) Jahresgage volle 50% Grenzsteuersatz zahlen. Ende der Steuerbegünstigungen.

Während in Italien und Spanien vorerst Steuervorteile für Fußball-Ballerinen bleiben, gelten in den USA, Mutterland des Wildwest-Kapitalismus, in allen Profiligen "salary caps". Gehaltsobergrenzen, wie sie keineswegs neidgelbe Fußballlegenden von Beckenbauer bis UEFA-Präsident Platini - oder Manager wie Lord Triesman, Vorsitzender des britischen Fußballverbands zur Vermeidung eines Systemzusammenbruchs - seit langem fordern. Viele Kicker verdienten unbezahlbar, viel zu viel.

"Salary caps" könnten auch in England weitere Lizitationen von "winner-takes-all"-Monopolrenten - was ich "globale Auktions-Gagen"-Explosionen nenne - verhindern; zweitens mehr Chancengleichheit der Klubs und damit mehr Spannung statt einer Meisterschaft der "immerselben vier" (Manchester United, Chelsea, Liverpool, Arsenal) gewährleisten; und drittens die bereits heute mit 3,7 Milliarden Euro hoch verschuldeten Vereine vor dem Schicksal anglosächsischer Bankpleiten bewahren.

Kurioserweise stolperten ja Stümperstürmer wie Wayne Rooney (13,5 Mio € Jahresgage, mehr Wochenlohn als Österreichs Manager mit 246.000 € Jahresbezügen) für die mit 660 Mio € gefährlich überschuldete ManU im UEFA-Champions-League Traumfinale gegen die sympathischen Ballzauberer von FC Barcelona mit AIG-Leibchen aufs Feld. Als Sponsor-Zierde immer noch den mehrfach insolventen, weltgrößten Versicherungspleitier, den jetzt die US-Steuerzahler durchfüttern.

Mit "tax the rich" reagiert Premier Gordon Brown auf anschwellenden Unmut, Klassenkampfparolen, hasserfülltes "eat the rich" und gewalttätige Übergriffe: etwa auf öffentliche Buhmänner wie "Bankster" Sir Fred Godwin. Er hat die Royal Bank of Scottland um zig Milliarden Pfund heruntergewirtschaftet, um dann mit 16,9 Millionen Pfund Abfertigung bzw. 700.000 Pfund Pension im Jahr mit zarten 50 in die Frührente zu enteilen.

Der bisher durch und durch neoliberale Sozialismus britischer Prägung, gegen den die wirtschaftsliberale FDP oder Wirt-schaftsflügel von CSU und ÖVP wie Versammlungen linker "christian socialists" sind, macht offensichtlich in der Krise ernst mit "Reichensteuern" bzw. Abschaffen von Steuerprivilegien - selbst für die populärsten ihrer Nutznießer, die Kicker der Premier League.

Die Helden der kleinen Männer wollen freilich, ihren Agenten nach, um den verbleibenden Bettel nicht arbeiten und arm und bloß vor ihre Fans treten. Daher werden entweder einige Klubs durch Nachforderungen ihrer Ballerinen bald nicht nur hoch verschuldet, sondern wirklich pleite sein - oder im "world war for top talents" im Kicken, der wichtigsten Nebensache der Welt, gegenüber reichenfreundlicheren Lateineuropäern als Empire zugrunde gehen. (Akt II des Dramas folgt). (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2009)

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