"Brot, Salz und Herz sind das Mindeste"

8. Juni 2009, 18:33
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Die Fotografin zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben einiger albanischer Frauen, das noch stark von einem Gewohnheitsrecht geprägt ist

Albanien ist ein Grenzland, das zwischen Orient und Okzident, zwischen Christentum und Islam und zwischen ursprünglichen und fremden Einflüssen positioniert ist. Vor dem Hintergrund einer Mischung aus verschiedenen Religionen, Denkweisen und Kulturen machte sich Anjeza Cikopano mit ihrem Fotoprojekt "Brot, Salz und Herz" auf die Suche nach Bilder von Albanien. Welches Bild macht sich ihr Heimatland nach 50 Jahren Diktatur und Isolation von der restlichen Welt sowie nach mehr als 15 Jahren harter Übergangszeit in den Kapitalismus? Die gebürtige Albanerin Anjeza Cikopano nahm sich die Inhalte Gastfreundschaft, Blutrache und unterschiedliche Lebensweisen mit auf diese Bildersuche.

Gewohnheitsrecht

Durch die geographisch bedingte Abschottung gilt in den nordalbanischen Bergen und auch in Vororten der Hauptstadt Tirna das möglicherweise noch aus der Zeit vor dem Römischen Reich stammende Gewohnheitsrecht (Kanun). Der Kanun hat sich in diesen Gebieten bis heute erhalten und ist ein mündlich überliefertes Rechtssystem, das sich unabhängig von Religionen definiert hat und noch maßgeblich das soziale Leben bestimmt. Dem Kanun liegt das Leben in der Großfamilie zugrunde und dieses Gewohnheitsrecht regelt das Eherecht, das Erbrecht und noch viele andere Bereiche wie etwa die Jagd oder die Landwirtschaft.

Außerhalb des sozialen Lebens

"Die Gastfreundschaft ist eine der Hauptsäulen des Kanun. Brot, Salz und Herz sind das Mindeste, mit dem ein Gast beschenkt werden muss. Durch das  Gewohnheitsrecht ist die Frau sehr wohl in alle Arbeitsprozesse eingebunden, jedoch überhaupt nicht in das soziale Leben involviert. Die Frauen sind zwar von der Blutrache ausgenommen, allerdings sind sie auch vom Erbrecht ausgeschlossen und dürfen keine Entscheidungen über sich selbst und ihre Kinder treffen", erklärt die Künstlerin Anjeza Cikopano.

Mit ihrem Fotoprojekt dokumentiert sie die vom Kanun regulierten Lebensformen und somit auch die Geschichte albanischer Frauen. Cikopano dokumentierte die Geschichten von Frauen in ihrem  Alltag zuhause und auch das Schicksal von Gefängnisinsassinnen - jenen Frauen, die Mord als einzige Lösung gegen die unerträgliche und alltägliche Gewalt der Ehemänner gesehen haben. Frauen haben im Kanun nur eine marginale Rolle und verfügen über sehr wenige Rechte.

Städtisches Leben

Durch die wirtschaftlichen Umstände sind in den letzten zehn Jahren sehr viele Familien aus Nordalbanien in die urbanen Zentren gewandert. Die Anpassung an ein städtisches Leben funktioniert jedoch nur im Sinne der Geldbeschaffung; die Sozialisierung durch das Gewohnheitsrecht führt immer wieder zu Konflikten mit den staatlichen Gesetzen.

Anjeza Cikopanos möchte mit ihren Arbeiten möglichst viele Seiten dieser Lebensweisen ein Stück zugänglicher machen. Die Bilder dokumentieren den Umgang mit Normen, sie zeigen ein persönliches Bild der Menschen in ihrem Alltag und zu besonderen Anlässen, sowohl in den Bergen als auch in den Vorstadtvierteln. (beaha, dieStandard.at, 8.6.2009)

Zur Person
Anjeza Cikopano wurde 1979 in Tirana geboren und lebt seit 2001 in Österreich. Von 2003 bis 2005 besuchte sie das Kolleg für Fotografie und audiovisuelle Medien an der Höheren Graphischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt in Wien.

Info
Die Ausstellungseröffnung findet am 09. Juni 2009 um 19.00 Uhr statt
Ausstellungsdauer: 10. Juni bis 09. Juli 2009
Ort: Startgalerie im MUSA Museum auf Abruf, 1010 Wien, Felderstraße 6-8 (neben dem Rathaus)

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 16.00 Uhr, Sonntag, Montag und Feiertage geschlossen, Eintritt frei

Links
Anjeza Cikopano
Museum auf Abruf

  • Mit ihrem Fotoprojekt dokumentierte Anjeza Cikopanos die vom Kanun regulierten Lebensformen und somit auch die Geschichte albanischer Frauen.
    foto: anjeza cikopano, bild 02, digitale fotobelichtung, 2007

    Mit ihrem Fotoprojekt dokumentierte Anjeza Cikopanos die vom Kanun regulierten Lebensformen und somit auch die Geschichte albanischer Frauen.

  • Durch die wirtschaftlichen Umstände sind in den letzten zehn Jahren
sehr viele Familien aus Nordalbanien in die urbanen Zentren übersiedelt.
    foto: anjeza cikopano, bild 10, digitale fotobelichtung, 2007

    Durch die wirtschaftlichen Umstände sind in den letzten zehn Jahren sehr viele Familien aus Nordalbanien in die urbanen Zentren übersiedelt.

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