Ehefrauen der Kandidaten greifen in den Wahlkampf ein

8. Juni 2009, 14:09
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Präsident Ahmadi-Nejad versuchte bei TV-Debatte, Zahra Rahnavard, die Gattin seines Herausforderers Mussavi, anzuschwärzen

Er griff die Familie, eine heilige Bastion der Iraner an, so empfanden es jedenfalls viele Zuschauer der TV-Konfrontation. Aber der Schuss des amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadi-Nejad auf seinen stärksten Herausforderer, Mir-Hossein Mussavi, ging nach hinten los. „Soll ich Ihnen sagen, wessen Unterlagen ich in der Hand habe? Das sind Unterlagen von einer Frau, die Sie bei allen Wahlkampfveranstaltungen begleitet. Sie hat gleichzeitig an zwei Universitäten zwei verschiedene Fächer studiert, und ihre Benennung als Dekanin einer Universität war auch nicht korrekt." Ahmadi-Nejad griff damit die erste Frau an, die in der Geschichte der Islamischen Republik Iran Hand in Hand mit ihrem Mann wahlkämpft, Zahra Rahnavard.

Mussavi gab ordentlich zurück, er beschuldigte den Präsidenten, nichts anderes zu tun zu haben, als die Privatsphäre der Menschen zu verletzen. „Sie verdächtigen alle, und ich bin gekommen, um gerade mit dieser Denkweise aufzuräumen und den Menschen im Iran wieder ihre Ehre und ihren Stolz zurückzugeben."

Sturm auf die letzten Männerbastionen

Viele Iranerinnen finden sich in der Person von Zahra Rahnavard, der 64-jährige Gattin Mussavis, selbst wieder. Im Gegensatz zu vielen islamischen Ländern sind Frauen in allen Bereichen präsent und greifen nun mit einer Schar von Universitätsabsolventinnen die letzten Männerbastionen an.

Die Idee einer Geschlechterquote zu Ungunsten der Frauen an den Universitäten stammt von der Regierung Ahmadi-Nejads, die den Ansturm der Frauen eindämmen will. Mit 65 Prozent Anteil prägen die Mädchen längst das Bild in den Universitäten. In den naturwissenschaftlichen Fächern und in Medizin ist ihr Anteil sogar höher als 80 Prozent. Dementsprechend verlangen sie nun auch mehr Rechte und Anteile an politischen Entscheidungen im Iran.

Das Bild der Großstädte ist seit Beginn des Wahlkampfes von jungen Frauen geprägt, die trotz aller Einschränkungen für ihre Kandidaten werben. Das beschränkt sich nicht nur auf die liberalen Kandidaten. Auch in der Reihe der Anhänger von Ahmadi-Nejad sind Mädchen postiert, auch solche die - für die herrschenden Regeln - locker gekleidet sind. Die Wähler und Wählerinnen sind sich nicht ganz sicher: Bedeutet das einen Sinneswandel, oder ist es nur eine schlecht organisierte Show?

Von Ahmadi-Nejads Gattin hört man nichts

Seit Zahra Rahnavard für ihren Mann Wahlveranstaltungen abhält, versuchen auch andere Kandidaten, die Hilfe ihrer Frauen in Anspruch zu nehmen. Fateme Karrubi, die Frau des früheren Parlamentspräsidenten Mehdi Karrubi, ist in vielen Diskussionsrunden präsent. Sie hat Erfahrung als Direktorin einer großen Klinik in Teheran und ist als starke Frau bekannt. Manche sagen sogar, dass sie die treibende Kraft hinter ihrem Mann sei. Sogar Mohsen Rezaie, der ehemalige Chef der Revolutionsgarde und Ahmadi-Nejads Herausforderer auf der konservativen Seite, wird jetzt manchmal von seiner Frau begleitet. Nur von der Gattin des Präsidenten, die immer völlig in schwarz gekleidet ist, hört man nichts.

Die Frauen haben sich von der konservativen Wende seit dem Amtsantritt Ahmadi-Nejads 2005 nicht einschüchtern lassen. Eine Kampagne zur Bekämpfung von frauenfeindlichen Gesetzen, mit der eine Million Unterschriften gesammelt werden soll, läuft trotz aller Einschränkungen erfolgreich weiter. Der Ruf nach Gerechtigkeit für die Frauen in allen sozialen Bereichen wird von fast allen Gesellschaftskreisen unterstützt. Sie kämpfen um die gleichen Menschenrechte und die gleichen Löhne und Sozialleistungen. Zuletzt verhinderten sie mit einer großen Kampagne eine Neuauflage des Gesetzes für die Mehrehe, das sie deutlich schlechter gestellt hätte.

„Männer und Frauen sind wie zwei Flügel. Ein Vogel kann nicht mit einem gebrochenen Flügel fliegen", sagt Zahra Rahnavard bei den Wahlveranstaltungen für ihren Mann und erntet damit großen Beifall. Und Mussavi pflegt zu sagen, dass der stolze persische Löwe in den Käfig gesteckt wurde und befreit werden muss. Viele Iraner und Iranerinnen denken, dass nur durch eine Abwahl Ahmadi-Nejads am 12. Juni der Vogel wieder fliegen kann und der Löwe befreit wird. (Amir Loghmany aus Teheran/derStandard.at/8.6.2009)

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    Zahra Rahnavard im Wahlkampf

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