Arcandor stellt Insolvenz­antrag

9. Juni 2009, 17:39
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Der angeschlagene Karstadt-Mutterkonzern gibt auf: Karstadt Warenhaus, Primondo und Quelle sind zahlungsunfähig

Berlin - Eine deutsche Institution ist pleite. 128 Jahre nach Gründung des ersten Karstadt-Warenhauses im ostdeutschen Wismar musste dessen heutige Mutter Arcandor am Dienstag beim Handelsgericht in Essen Insolvenz anmelden. Gegen Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick leitete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung ein.

In der Nacht auf Dienstag hatte der Vorstand von Arcandor noch verzweifelt versucht, mit den Eignern (Privatbank Sal.Oppenheim und Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz) die drohende Pleite abzuwenden. Von diesen beiden hatte die Regierung "signifikante Beiträge" gefordert. Doch zu Mittag war klar: Ohne Staatshilfe überlebt der Konzern nicht. Kanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Theodor zu Guttenberg (CSU) hatten Hilfe mit Steuergeld ja verweigert und Arcandor zuletzt aufgefordert, seinen Rettungsplan nachzubessern.

Beschäftigte wie Kunden sollen zunächst von der Insolvenz nichts bemerken. Am heutigen Mittwoch werden alle 89 Karstadt-Filialen und die 28 "Karstadt-Sport-Häuser" öffnen, ebenso die drei Premium-Häuser KaDeWe (Berlin), Alsterhaus (Hamburg) und Oberpollinger (München).

Das gleiche gilt für die zweite Säule des Arcandor-Konzerns, den Versandhandel Primondo und Quelle. Auch hier laufen die Geschäfte weiter. Die Gehälter dieser Angestellten wie auch der Beschäftigten von Karstadt (insgesamt 43.000) sind bis August gesichert. Sie werden nun vom Bund, über die Bundesagentur für Arbeit, bezahlt. Die dritte Tochter (Reiseveranstalter Thomas Cook) wirtschaftet hingegen profitabel und ist von der Insolvenz nicht betroffen, ebenso wenig die Primondo-Specialty Group GmbH und der Homeshopping-Sender HSE24.

Merkel sieht Chancen

Sowohl Merkel als auch Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sehen in der Pleite eine Chance zur Neustrukturierung. Für die Karstadt-Filialen interessiert sich nach wie vor Konkurrent Metro, dessen "Kaufhof"-Filialen wesentlich besser laufen. Für die Versand-sparte Primondo soll es mehrere Interessenten aus dem In- und Ausland geben.

Der weltgrößte Druckmaschinenhersteller Heidelberg hat die drohende Insolvenz hingegen abwenden können. Er bekommt 850 Millionen Euro an Staatshilfe, was ihm das Überleben die nächsten drei Jahre lang sichert. Dennoch werden 3300 Stellen gestrichen. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2009)

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  • Ein Karstadt-Streikposten gibt die Hoffnung auf.
    foto: epa

    Ein Karstadt-Streikposten gibt die Hoffnung auf.

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    Der stark angeschlagene Karstadt-Mutterkonzern Arcandor will das operative Geschäft weiterführen.

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