"Kanzler steht sicher unter Druck"

8. Juni 2009, 12:44
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SORA-Chef Christoph Hofinger beantwortete die UserInnen-Fragen zum Ausgang der EU-Wahl - Das Protokoll zur Nachlese

"Wenn Grüne Werbemittel und Programme auch mit Hauptschulabschluss verstanden werden, haben die Grünen Potentiale von 20 Prozent oder mehr". Christoph Hofinger, Chef des Meinungsforschungsinstituts SORA, sprach im Chat bei derStandard.at außerdem über Druck auf SP-Kanzler Faymann durch das schlechte Wahlergebnis, die Spannung zwischen Strasser und Karas, die der ÖVP letztlich zugute gekommen ist und die Bedeutung der Kronen Zeitung für Martins Wahlerfolg.

ModeratorIn: Wir begrüßen SORA-Chef Christoph Hofinger im Chat und bitten die UserInnen um Fragen!

Christoph Hofinger: Ich begrüße alle derStandard.at-UserInnen und freue mich auf eine anregende Diskussion.

simon_thedog: Warum hat die FPÖ doch nicht so viel dazugewonnen, als man geahnt hat?

Christoph Hofinger: Die FPÖ hat sehr wenige Stimmen von den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP mobilisieren können, nämlich in Summe nur 40 000. Viele Proteststimmen sind zu Hans-Peter Martin gegangen und so hat die FPÖ in etwa die Hälfte ihrer Ergebnisse in den 90er Jahren bei EU-Wahlen.

leftjustified: Die Verluste der SPÖ waren ja geradezu katastrophal. Wir es in der SPÖ ihrer Meinung nach zu einer ersthaften Bewegung gegen Kronenzeitung-Faymann kommen?

Christoph Hofinger: Innerparteiliche Vorgänge vorherzusagen ist noch schwieriger als Wahlausgänge zu prognostizieren, aber der Kanzler steht sicher unter einem gewissen Druck in Zukunft auch einmal Wahlerfolge bei Landtagswahlen zu erreichen.

ModeratorIn: Eine Userfrage per Email: Hat die ÖVP einen Sieg oder eine Niederlage zu verbuchen? Oder beides?

Christoph Hofinger: Die ÖVP hat zwar ein geringeres Ergebnis als 2004, aber der erste Platz ist ein Erfolg. Zu verdanken hat es die ÖVP der höchsten Mobilisierungsrate: 82% ihrer Wähler von 2004 sind ihr treu geblieben.

herr_rechtsausleger: kann man seriös einschätzen, wie viel % mehr die grünen mit voggenhuber an wählbarer stelle gemacht hätten?

Christoph Hofinger: Ein paar Prozentpunkte werden es wohl gewesen sein.

Peppermint Betty: Kann man aus diedem Wahlergebnis unmittelbar Schlüsse für die bevorstehende Wiener Wahl ziehen? Wenn ja, welche?

Christoph Hofinger: Die WählerInnen können sehr wohl zwischen unterschiedlichen Wahlgängen unterscheiden. Was in Wien 2010 anders sein wird, das Hans-Peter Martin vermutlich nicht kandidiert und offen ist wer dann diese Proteststimmen bekommt. Zwar hat die FPÖ in Wien mehr von der SPÖ erhalten als in den anderen Bundesländern, nämlich jeden 12. SPÖ-Wähler von 2004, aber die Bewegung von rot zu blau ist dennoch geringer ausgefallen als viele erwartet haben.

machruz: Sind die Grünen bald Geschichte?

Christoph Hofinger: Das ist sehr unwahrscheinlich. Sie decken einen Teil des politischen Spektrums links der Mitte ab, in dem sie derzeit wenig Konkurrenz haben. In vielen europäischen Ländern ist ein gewisses auf und ab bei den Grünen zu beobachten, in Frankreich haben sie gestern 16% erreicht.

roland trautner: Wie wahrscheinlich ist der 2. Sitz fuer die Gruenen ?

Christoph Hofinger: Nach Auszählung der Briefwahlstimmen so gut wie sicher. Wenn der Lissabon-Vertrag ratifiziert wird und Österreich dann 19 Abgeordnete ins EU-Parlament entsenden kann, ist er ganz sicher.

xEurocent: Hat die ÖVP trotz oder wegen Ernst Strasser die Wahl gewonnen bzw. lag der hohe Mobilisierungsgrad an seiner Person?

Christoph Hofinger: Der ÖVP ist die Spannung zwischen Strasser und Karas letztendlich zu gute gekommen. Strasser war nur für 22% der ÖVP-Wähler ein entscheidendes Wahlmotiv, das ist vergleichsweise gering. Aber vermutlich haben sich viele die Karas bevorzugt haben dann zu einer Vorzugsstimme für Karas entschieden, genaueres werden wir im Verlauf der Woche wissen.

kalind: Warum hat HPM auch in Regionen, wo die Kronen Zeitung keine besonders hohe Verbreitung hat, ebenfalls 17, 18 % bekommen. Machen es sich die anderen Parteien nicht zu einfach, wenn Sie nur vom Krone-Effekt sprechen?

Christoph Hofinger: Die Krone ist sehr bedeutsam für Martins Wahlerfolg, aber nicht ganz alleine ausschlaggebend. Martins wichtigster Vorteil ist, dass er in Bezug auf seine Rolle und seine Botschaften das klarste Bild zeichnet: "Im EU-Parlament ist vieles im argen und ich bin dort der unbestechliche Aufdecker." Dass diese Klarheit über die Pläne als Abgeordneter konnte sonst niemand vermitteln.

ModeratorIn: Eine Userfrage über Twitter: Die Altersverteilung der (Nicht)Wähler würde mich interessieren.

Christoph Hofinger: Die höchste Wahlbeteiligung haben die 30-60-Jährigen, darüber sinkt sie mit dem Alter immer mehr. Die Jungen dürften auch etwas weniger zur Wahl gehen als die WählerInnen mittleren Alters.

El Chó: Denken Sie dass die Debatte um die rechts-außen Wortmeldungen aus der FP und deren agressiven und teils antisemitischer Wahlkampf der FPÖ eher geschadet oder eher genutzt hat?

Christoph Hofinger: In Summe eher geschadet. Die Übertritte von SPÖ und ÖVP zu Blau waren überraschend niedrig, das mag mit dem sehr zugespitzten Wahlkampf der FPÖ einerseits und mit ungewöhnlich massiven Reaktionen von Präsident bis Kardinal andererseits zu tun haben.

ModeratorIn: Noch eine Userfrage per Email: Herr Hofinger, was war für Sie das überraschendste Detail des Wahlausgangs?

Christoph Hofinger: Der relativ große Vorsprung der ÖVP und der geringe Zugewinn der FPÖ.

Christina Gruber: SPÖ-Geschäftsführer Kräuter hat das miese Ergebnis der SPÖ ein bisschen auf die Abgrenzung in Richtung FPÖ geschoben. Finden Sie das plausibel?

Christoph Hofinger: Der FPÖ Recht zu geben hat für die SPÖ in der Vergangenheit auch nicht wirklich funktioniert. Was der SPÖ helfen kann ist neben Kritik an der FPÖ eine Hoffnungsbotschaft die sie von den Mitbewerbern abgrenzt.

Der auf der Nudelsuppen dahergschwommen is: wieviele frauen haben diesmal speziel grün gewählt, da diese diesmal ausschließlich auf ein frauenteam setzten und auch den feminisums hochhoben? laut ihrer analyse wählten ja dennoch bloß 10% der frauen grün.

Christoph Hofinger: Nicht ganz die Hälfte der weiblichen Grünwählerinnen haben als Wahlmotiv angegeben, dass die Grünen eine Frau an der Spitze aufgestellt haben. Es gibt aber auch viele weibliche Wählerinnen denen das Geschlecht der Kandidaten nicht so wichtig ist.

ModeratorIn: Eine Userfrage per Email: Bei welchen Parteien hat der /die SpitzenkandidatIn besonders viele Wähler an die Urne gelockt?

Christoph Hofinger: Bei Hans-Peter Martin war es am stärksten mit 53% seiner Wähler.

kalind: Wie müsste die SPÖ ihrer Meinung nach bei der Wienwahl in der Ausländerfrage argumentieren, ob klar, glaubwürdig und erfolgreich zu sein?

Christoph Hofinger: Die Balance halten zwischen einem Bekenntnis dazu, dass Wien bereits eine unumkehrbare multiethnische Stadt geworden ist und auf der anderen Seite einem Blick auf mögliche Probleme der von einer Botschaft begleitet wird, dass alle in der Stadt ihre Chancen erhalten sollen.

E.Dietl: Das BZÖ behauptet beim Wahlkampf alles richtig gemacht zu haben. Bedeutet das, dass in Österreich ganz einfach kein Platz für eine solche Partei ist oder ist die Wahlniederlage wirklich nur auf die Kanditatur von H.P. Martin zurückzuführen?

Christoph Hofinger: Es gibt schon ein relativ breites Spektrum an Protestparteien, die alle vor einem ähnlichen Problem stehen, nämlich europaskeptische WählerInnen zu einer Europawahl zu bewegen. Daran hat sich das BZÖ die Zähne ausgebissen.

machruz: Wieso können linke Gruoppierungen nicht stärker von der Krise profitieren?

Christoph Hofinger: In manchen europäischen Staaten tun sie das, bei uns derzeit nicht. Es bräuchte klarere Botschaften, wie die Gesellschaft die aktuelle Krise übertauchen kann. Den linken Parteien würde eine Debatte nutzen, wo sie ihre Visionen mit den anderen Parteien scharf kontrastieren - das passiert aber derzeit kaum.

simon_thedog: Hätte Faymann mehr Unterstützung der Kronen Zeitung gebraucht?

Christoph Hofinger: Für Wahlerfolge ist nicht nur die Kronen Zeitung ausschlaggebend, aber die starke Unterstützung für HPM hat den Sozialdemokraten sicherlich einige Stimmen gekostet.

ModeratorIn: Eine USerfrage per Email: Gibt es Daten zu den Jungwählern??

Christoph Hofinger: Die unter 35-Jährigen haben überdurchschnittlich Grün (14%) und Blau (19%) gewählt auf Kosten von SPÖ, BZÖ und Martin.

Franz Hutter: Warum glauben sie, gelingt es den Grünen - in einer Zeit, wo es salonfähig geworden ist, grün zu denken (Bio ist in Klimaschutz boomt,...) - nicht, deutlich stärker zu werden. Man müssta ja meinen, dass die Zeit heute für die Grünen reif ist.

Christoph Hofinger: Eine Analyse der Wahlprogramme hat ergeben, dass man für die Lektüre des Grünen Programms eigentlich einen Hochschulabschluss braucht. Wenn Grüne Werbemittel und Programme auch mit Hauptschulabschluss verstanden werden, haben die Grünen Potentiale von 20% oder mehr.

Don Wyzzy: Können sie in drei Sätze erklären, wie die Wählerstromanalyse funktioniert? lg

Christoph Hofinger: 1. Wir vergleichen die ausgezählten Ergebnisse der alten und der neuen Wahl in ca. 4 000 Sprengeln und Gemeinden. 2. Ein Computerallgorithmus sucht nach denjenigen Gleichungslösungen, die die Übergänge zwischen altem und neuem Ergebnis am besten erklärt. 3. Das rechnen wir für alle Bundesländer und bestimmte Gemeindetypen getrennt (z.B. in ÖVP-Hochburgen) und fassen dann die Ergebnisse in einer bundesweiten Wählerstromanalyse zusammen.

esen: Inwieweit sind die jetzigen Methoden der Meinungsforschung noch gerechtfertigt? Es fällt doch auf das bei den letzten Wahlen nahezu alle Institute ordentlich daneben gelegen haben (EU, Kärnten, Nationalrat...). Sollte das nicht zu Denken geben?!

Christoph Hofinger: Die veröffentlichten Umfragen hatten Stichproben von 400 oder 500 Befragten, darunter also etwa 150 bis 200 deklarierte die bei der EU-Wahl wählen gehen wollten. Das ist für Vorhersagen schlicht und einfach zu wenig. Wir hatten am Wahlwochenende aus einem wesentlich größeren Sample ein ziemlich akkurates Bild des tatsächlichen Wahlausgangs gewinnen können. Sie haben Recht, es sollte insofern zu denken geben, dass in Medien publizierten Umfragen mit geringen Stichproben nur mit größter Vorsicht zu genießen sind.

gellnerix: Falls Karas wie erwartet die nötigen Vorzugsstimmen bekommt, um vor Strasser gereiht zu werden, kann es sich die ÖVP leisten (auch parteiintern), den Wählerwillen zu ignorieren und Strasser trotzdem zum Delegationsleiter bestellen?

Christoph Hofinger: Nachdem viele ÖVP-Spitzen sich hinter Strasser gestellt haben, werden sie sich das vermutlich leisten können müssen.

achiever: Wie ist die immer groeszer werdende Anzahl an Protest - ungueltig und Nichtwaehlern zu erklaeren - herrscht eine gewisse Politikverdrossenheit, sind die Leute unzufrieden mit der Arbeit der Politiker?

Christoph Hofinger: Europawahlen sind Nebenwahlen. Die werden grundsätzlich gerne zum Protest genutzt. Die Kampagnen der Zentrumsparteien waren aber nicht dazu in der Lage einer Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. Sie haben schlicht und einfach nicht begeistern können.

ModeratorIn: Noch eine Userfrage per Email: Hat HPM langfristig eine Chance in Österreichs Politiklandschaft zu einer bedeutenden Größe zu werden bzw das zu bleiben?

Christoph Hofinger: Im EU-Parlament hat er eine klare Rolle als Aufdecker. In Österreich hat Martin noch keine politische Nische für nationale Wahlen. Deswegen auch sein mageres Ergebnis bei der NR-Wahl 2006. Nur wenn er so eine Rolle auf nationaler Ebene findet, kann er ein politischer Faktor außerhalb von Europawahlen werden.

europe election: Wie groß ist der Krone Machtfaktor in Prozentpunkten?

Christoph Hofinger: Das kann ich nicht beziffern, aber es sind mehr als ein paar Zerquetschte.

Ti Ra Mi Su: welche rolle haben die pensionisten bei dieser wahl gespielt, und welche rolle werden sie bei zukünftigen wahlen spielen?

Christoph Hofinger: Sie sind die Bastion der Regierungsparteien, wobei der HPM-Anteil überraschend hoch war bei dieser Wahl (21%). Die Grünen waren bei Wählern ab 60 mit 2% praktisch nicht vorhanden. In Zukunft wird es bei den PensionistInnen weniger StammwählerInnen geben und als wahlentscheidende Gruppe, die heiß umkämpft wird, gelten, auch weil ihr Anteil am Wählerkuchen permanent steigt.

ModeratorIn: Noch eine Userfrage per Mail: Gab es besonders viele Wechselwähler diesmal?

Christoph Hofinger: Es gab sehr viel Austausch mit den Nichtwählern, die Übergänge zwischen den Parteien waren diesmal eher durchschnittlich bzw. gering.

xEurocent: Wieso verlieren die Sozialdemokraten eigentlich europaweit? Sollten nicht in Zeiten der Wirtschaftskrise die traditionellen Themen wie Arbeitsplätze und Soziastaat Hochkonjunktur haben?

Christoph Hofinger: Theoretisch sollten sie das, aber die Sozialdemokratie in Europa hat ihre Vorschläge wie die Krise bewältigt werden kann noch nicht so formuliert, dass es bei breiten Teilen der Bevölkerung angekommen wäre.

B_Bird: Wieder einmal hat eine liberale Partei bei Wahlen in Österreich ein verheerendes Ergebnis eingefahren. Wo sind die Gründe für diese Serie an Niederlagen zu suchen?

Christoph Hofinger: Begrenzte Zielgruppe, wenig Ressourcen, kaum sichtbar Kampagne.

Schneeglöckchen: Oft sagt man, rechtsextreme Parteien seien Protestparteien. Mein Gefühl sagt mir jedoch, daß die Bindung der Wähler an diese Parteien sehr groß ist. Gibt es hiezu Methoden, dies zu messen?

Christoph Hofinger: Ja, die Wählerstromanalysen. Die FPÖ hat eine schwächere Wählerbindung als die ÖVP und die SPÖ. Ihre Anhänger wechseln in der Regel nur in geringem Ausmaß zu den Zentrumsparteien zurück, häufiger zu den Nichtwählern. Ausnahme war die NR-Wahl 2002 mit dem Rekordstrom von blau zu schwarz.

ModeratorIn: Wir danken Christoph Hofinger fürs Kommen und den UserInnen für die vielen Fragen - Bis zum nächsten Mal!

Christoph Hofinger: Es war mir ein großes Vergnügen mit den derStandard.at-UserInnen zu chatten und ich bedanke mich herzlich für die interessanten Fragen.

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