Keine der vermuteten Ursachen allein verantwortlich

8. Juni 2009, 10:44
2 Postings

Europäischer Allergologen-Kongress:"Verwirrspiel" von Genen und Umwelt - Stadtleben eher Allergie-fördernd

Warschau - Allergien werden immer häufiger. Doch im Gegensatz zu herkömmlichen Erklärungsversuchen, wonach entweder Umwelt- oder Erbfaktoren dafür verantwortlich wären, stellt sich die Problematik aktuell viel komplexer dar. "Was bei einer Person Asthma auslöst, ist für eine andere Person ohne Bedeutung. Wir brauchen eine individualisierte Medizin, die auf Umwelt und die Genetik des Einzelnen Rücksicht nimmt", erklärte der britische Experte Adnan Custovic (Manchester) beim Europäischen Allergologen-Kongress in Warschau (bis 10. Juni) mit rund 5.000 Teilnehmern. 

Studie in Berlin

Ziemlich klar ist: urbane Lebensumstände fördern das Entstehen von Allergien.
Vor einigen Jahren glaubte Erika von Mutius, Allergie-Expertin von der Universität München (Kinderspital), mit Vergleichsstudien zwischen München und ostdeutschen Städten ab 1990 eine einzigartige Chance zur Entschlüsselung des Rätsels um die Entstehung von Asthma, atopischer Dermatitis etc. zu haben. "Mit dem Fall der Mauer in Berlin konnten wir die Kinder im Westen und im Osten Deutschlands vergleichen. Wir dachten, dass die Kinder in Ostdeutschland wegen der Luftverschmutzung wesentlich mehr Asthma haben müssten." 

Doch das Gegenteil war richtig. Die Expertin: "In Halle gab es beispielsweise eine SO2-Belastung von 200 Mikrogrammn pro Kubikmeter Luft, in München eine von zehn Mikrogramm. Aber in Halle hatten rund sechs Prozent der Kinder Asthma, in München mehr als zehn Prozent." Man dachte, dass eventuell die frühe Unterbringung von Kindern in Krippen mit vielen banalen Infektionen als Folge einen schützenden Effekt gehabt habe, aber bewiesen werden konnte das nicht.
Erika von Mutius: "Mittlerweile haben sich die Prozentsätze zwischen Osten und Westen völlig angeglichen. Im Osten Deutschlands haben 3,2 Prozent der Kinder Asthma, im Westen sind es 2,9 Prozent, beim Heuschnupfen sind es neun bzw. 8,7 Prozent und bei der Atopie (allergische Hauterscheinungen, Anm.) 8,4 bzw. sieben Prozent. Ich glaube nicht, dass wir derzeit verstehen, wie es zu diesen Problemen kommt."

Wechselspiel von Faktoren

Für Adnan Custovic ist allergisches Asthma eine individuell auftretende Erkrankung, bei der von Patient zu Patient jeweils ein anderes Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt verantwortlich ist: "Wir haben Studien mit der Haltung von Katzen. Die eine Studie sagt, dass eine Katze im Haushalt im frühen Kindesalter vor Allergien schützt, die zweite sagt, dass eine Katze schädlich ist - und die dritte besagt, dass eine Katze nichts ausmacht." 

Bestimmte Gen-Konstellationen scheinen wiederum bestimmte Menschen für eine Allergie anfälliger zu machen, andere Personen wiederum vor anderen Allergien eher zu schützen. Custovic: "Bei der Therapie ist es genauso. Ein Medikament wird einer Patientengruppe helfen, einer anderen wiederum nicht. Wir brauchen ganz individuelle Untersuchungen und Strategien."
Ziemlich eindeutig allerdings ist: Allergische Probleme sind unter urbanen Lebensumständen häufiger als auf dem Land. Erika von Mutius: "In polnischen Dörfern wurde eine Häufigkeit von Asthma bei rund zwei Prozent der Kinder festgestellt, in der benachbarten Stadt Sobotka eine Häufigkeit von 15 Prozent. Wenn Kinder vom Land in die Stadt übersiedeln, nehmen sie eine Zeit lang einen Schutzfaktor mit." Doch was das ist, bleibt bisher unbekannt. (APA)

Share if you care.