Karas will abwarten

12. Juni 2009, 06:39
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Karas hat 106.000 Vorzugsstimmen und überholt damit als Listenzweiter seinen eigenen Spitzenkandidaten

Brüssel - Der ÖVP-Delegationsleiter im Europaparlament, Othmar Karas, will "verantwortungsvoll" mit den inzwischen über 106.000 Vorzugsstimmen umgehen, die er bei den EU-Wahlen vom vergangenen Sonntag erhalten hat. Karas hat damit das stärkste Vorzugsstimmen-Ergebnis erzielt, das je einem Kandidaten, der nicht Listenerster war, gelang. Karas liegt in allen neun Bundesländern vor Strasser.

"Das ist mit sehr viel Hoffnung und Freude verbunden", sagte Karas, allerdings stelle sich auch die "andere Frage, wie die ÖVP damit umgeht. Ich werde nichts tun, was das mir entgegen gebrachte Vertrauen zerstört oder missbraucht", so Karas am Donnerstag im Gespräch mit der APA in Brüssel.

Stimmen der Pro-Europäer

Ihm gehe es auch nicht primär um Funktionen, sondern "wie man mit diesen Vorzugsstimmen umgeht". Immerhin habe er die Stimmen der Pro-Europäer, nicht nur aus der ÖVP, sondern auch von SPÖ und Grünen, überzeugen können, ihn zu wählen. Auch sehr viele Jugendliche seien motiviert gewesen und das sei ein "sehr positives Signal". Mit seinem Vorzugsstimmenwahlkampf sei es auch gelungen, die Arbeit der Europaabgeordneten zum Thema zu machen. Ihn habe vor allem die "Aufbruchstimmung" gefreut, die mit seinem Wahlkampf ermöglicht wurde. Die Zahl an Vorzugsstimmen sei "beeindruckend, damit habe ich nicht gerechnet".

"Freude und Demut"

Die Frage, ob er nun konkret vorhabe, sich wieder als Delegationsleiter zu bewerben, obwohl schon am Sonntag die anderen ÖVP-Abgeordneten erklärt hätten, sie würden den Spitzenkandidaten Ernst Strasser wählen, beantwortete Karas abwartend. "Der Auftrag ist, mit diesem Ergebnis, das neben Freude auch Demut" bei ihm bewirke, verantwortungsvoll umzugehen. "Das ist auch ein Auftrag an mich persönlich, an meine Arbeit als Europaparlamentarier. Aber auch ein Auftrag an die Partei, die ja direkt und indirekt ebenfalls davon profitiert hat", spielt Karas den Ball an die ÖVP-Spitze zurück. Seine Wähler hätten jedenfalls einen "aufrechten Gang" sowie "Unabhängigkeit durch Kompetenz" honoriert. Aber es gehe "nicht primär um Funktionen, sondern um die Art des Umgangs mit diesen Stimmen" und das sei auch eine Frage an die Partei.

Formal ist Karas bis 13. Juli als Delegationsleiter im Amt. Das neu gewählte Europaparlament tritt am 14. Juli zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen.

Chancenlos

Karas gilt als chancenlos, weil sich die vier anderen Abgeordneten bereits für Strasser deklariert haben. Pröll gratulierte Karas zwar zu dessen Vorzugsstimmen-Wahlkampagne, sprach aber zugleich von einer "ganz einfachen Position": Die ÖVP habe bei der EU-Wahl mit Ernst Strasser an der Spitze den Erfolg eingefahren.

Karas habe zum Erfolg der ÖVP bei der EU-Wahl "deutlich beigetragen" und werde künftig "eine wichtige Rolle in der ÖVP spielen".

"Sache entschieden"

Auf orf.at sagte Seniorenbund-Chef Andreas Khol trotz Karas' Triumph bei den Vorzugsstimmen: "Nur der Karas will sich selber. Die Sache ist entschieden." Er verwies dabei auf die Entscheidung des Parteivorstandes, Strasser als Spitzenkandidaten und damit logischen Delegationsleiter einzusetzen.

Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl betonte laut ORF allerdings auch, dass man sich nun um eine Spitzenposition für Karas in der Europäischen Volkspartei, etwa im dortigen Parteivorstand, bemühen werde: "Wir werden mit jedem, der etwas beigetragen hat zu diesem Parteierfolg, ordentlich umgehen."

Teile der ÖVP räumen mittlerweile auch ein, dass der Vorzugsstimmenwahlkampf Karas' nicht, wie von der Parteizentrale beharrlich behauptet, eine geplante Kampagnenstrategie zur Stimmenmaximierung gewesen sei. "Die Doppelstrategie war keine Doppelstrategie, sie war Zufall", sagte der steirische ÖVP-Chef Hermann Schützenhöfer. Sie habe sich aber als gut für die Volkspartei erwiesen. (APA)

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    Die ÖVP habe bei der EU-Wahl mit Ernst Strasser an der Spitze den Erfolg eingefahren, sagt VP-Chef Pröll.

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    Foto: Lilli Strauss, AP

    Karas hat sein persönliches Wahlziel erreicht, der Weg für eine Bewerbung für die Delegationsleitung, die er als sein "moralisches Recht" bezeichnet hatte, wäre damit frei.

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