"Das Kreuz gegen andere zu verwenden ist falsch"

7. Juni 2009, 20:21
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EU-Kommissarin kritisiert EU-Diskussion in Österreich und äußert Interesse an Kandidatur für den Unesco-Chefposten

Ja, sie will wirklich. Benita Ferrero-Waldner sagte am Freitagabend, sie habe großes Interesse Chefin der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) zu werden. Die Kandidatur bezeichnete sie aber als „schwierig". Denn bislang ist ja offen, ob die jetzige Kommissarin für Außenbeziehungen den Unesco-Job auch tatsächlich bekommt.

Bei der Veranstaltung „Faces of Europe" in der Fachhochschule des Berufsförderungsinstituts in Wien nahm Ferrero-Waldner dann auch Stellung zur Politik der FPÖ. „Das Kreuz gegen andere zu verwenden, das ist falsch", sagte sie. Europa habe „christlich-jüdische Wurzeln", aber auch die „muslimischen Wurzeln kann man nicht ganz wegnehmen". Wohl in Anspielung auf den Comic der FPÖ, meinte sie, dass hierzulande oft so getan würde, als wäre die „EU ein ferner Planet". Es gebe mehr Mythen- und Legendenbildung als Realität. „Wir sind aber alle EU, das sind keine verschiedenen Welten", sagte die Kommissarin.

Dann erzählte Ferrero-Waldner auf Nachfrage von Eric Frey, Chef vom Dienst beim Standard, der durch den Abend führte, ihre eigene Sozialisationsgeschichte als Europäerin. Geprägt habe sie ihr Herkunftsort Oberndorf in Salzburg, der nur durch die Salzach von dem deutschen Ort Laufen getrennt ist. Als Kind musste Ferrero-Waldner auf der Grenzbrücke einen Grenzschein herzeigen und wurde auch von den Zöllnern gefilzt, wie sie erzählte. Das habe in ihr den Wunsch nach „Grenzenlosigkeit" entstehen lassen. Ferrero-Waldner schätzt im Europäischen Parlament vor allem die Diskussionskultur, die man „in Österreich oft nicht mehr findet".

Schuld an der Ablehnung der EU sind ihrer Meinung nach die Sanktionen der 14 EU-Staaten gegen die schwarz-blaue Regierung im Jahr 2000. „Die Österreicher sind da empfindsam", so Ferrero-Waldner. Positiv strich sie die Zusammenarbeit mit der neuen US-Administration hervor, etwa dass sich Barack Obama als „erster amerikanischer Präsident klar zur Zweistaatenlösung" im Nahostkonflikt bekennt. Es sei klar, dass es keinen lebensfähigen Staat geben werde, wenn die jüdischen Siedlungen im Westjordanland weitergebaut würden.
Am Ende der Veranstaltung entwickelte sich ein Dialog zwischen einer Besucherin und der Kommissarin. Die Frau wollte wissen, ob es bei der Ablehnung eines Beitritts der Türkei nicht doch auch um den Islam ginge. Ferrero-Waldner meinte darauf: „Wir haben mittlerweile auch in Österreich viele Moslems. Ich nehme an, Sie sind auch eine Moslem." Daraufhin die Besucherin: „Ich bin Österreicherin." Ferrero-Waldner antwortete: „Das stört mich nicht." (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2009)

  • Mehr Mythenbildung um die EU als Realität: EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner.
    foto: der standard/ andy urban

    Mehr Mythenbildung um die EU als Realität: EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner.

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