Ungarn

Erdrutschsieg für oppositionelle rechtskonservative Fidesz

7. Juni 2009, 23:49

Rechtsextreme Jobbik-Partei erzielte 14,77 Prozent

Es kam nicht völlig unerwartet, aber im konkreten Ergebnis fiel es massiv aus: Ungarn erlebte bei der Europawahl einen rechten Erdrutsch wie noch nie seit der demokratischen Wende vor 20 Jahren. Der rechts-populistische Bund Junger Demokraten (Fidesz) des Ex-Premierministers Viktor Orbán fuhr mit 56,4 Prozent der Stimmen und 14 Mandaten einen deutlichen Sieg ein. Die - noch und allein in Minderheit - regierenden Sozialisten (MSZP) wurden brutal abgewatscht: mit 17,4 Prozent der Stimmen und nur vier Mandaten verloren sie nicht nur mehr als die Hälfte ihrer bisher neun Sitze im EU-Parlament, sondern mussten ihr schlimmstes Debakel bei einer landesweiten Wahl seit 1990 hinnehmen, als sie noch als Ex-Kommunisten in die politische Quarantäne der neuen Demokratie geschickt worden waren.

Den wahren Durchbruch feierte allerdings die offen rechts-extreme Partei Jobbik (Die Besseren). Sie kam aus dem Stand auf 14,8 Prozent der Stimmen und damit drei Mandate. Die Strategie des Parteichefs Gábor Vona, den Hass auf die Roma zu schüren, ging in einer von Wirtschaftskrise und Abstiegsängsten verunsicherten Bevölkerung auf. Die Aufmärsche der von ihm gegründeten, paramilitärischen, faschistoiden Ungarischen Garde verstärkten noch die Illusion, daß sich die „Probleme" mit ebenso simplen wie drastischen Methoden lösen ließen.

Das moderat-konservative Ungarische Demokratische Forum (MDF) konnte mit 5,3 Prozent sein bisheriges einziges EP-Mandat halten. Für diese Partei geht der ehemalige Finanzminister, Radikalreformer und Wirtschaftssanierer Lajos Bokros nach Straßburg. Großer Verlierer ist neben den Sozialisten deren ehemaliger Koalitionspartner, der liberale Bund Freier Demokraten (SZDSZ). Mit 2,2 Prozent blieben diese Partei weit unter der Fünfprozentmarke und verliert damit ihre bisherigen zwei EP-Sitze.

Bei einer Wahlbeteiligung von nur 36.3 Prozent (2004: 38,5 Prozent) wären eigentlich Schlussfolgerungen auf die Landespolitik vermessen. Doch in Ungarn lebt die Minderheitsregierung des Technokraten Gordon Bajnai von der Außenunterstützung durch die nun tief erschütterten Liberalen. Deren Chef Gábor Fodor könnte bald seinen Rücktritt ankündigen.

Aber auch bei den Sozialisten selbst sind nach dem Debakel Panikreaktionen nicht ausgeschlossen. Orbán brachte bereits in der Wahlnacht seinen Machtanspruch zum Ausdruck: „Eine noch nie gesehene Mehrheit", rief er seinen Anhängern zu, „hat gezeigt, dass Ungarn den Wechsel will." Aber auch Jobbik-Chef Gábor Vona ließ keinen Zweifel offen, dass seine Extremistenpartei auf den Sturz der Bajnai-Regierung hinarbeiten will. „Die Jobbik ist bereit, für vorgezogene Wahlen auf die Straße zu gehen", schärfte er seinen Fans ein. „Wir sind immer dort, wo unser Platz ist." Das klang wie eine Drohung - und erinnerte an den heißen Herbst 2006, als der rechtsextreme Mob schon einmal die Regierung, damals unter Ferenc Gyurcsány, von der Straße aus zu stürzen trachtete.
In Ungarn erreichte die oppositionelle rechtskonservative Fidesz mit 56,4 Prozent der Stimmen 14 der 22 ungarischen Sitze im EU-Parlament. Die regierenden Sozialisten konnten sich lediglich vier Plätze sichern.  (Gregor Mayer aus Budapes, DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2009)

Der Vorsitzende der rechtskonservativen Fidesz, Viktor Orbán, war schon in Siegerlaune, als er am Sonntag seine Stimme abgab. Die Fidesz bekommt 14 von 22 Mandaten im EU-Parlament. Foto: AP/Beliczay

 

 

Kommentar posten
18 Postings
Gin_Tonic
00
12.8.2009, 00:03
in einer

demokratie hat der wähler immer recht!

-Nathan-
 
11
14.6.2009, 16:48
unser Sieg.

Ibsen
53
Rechtsextreme Jobbik erzielte 14,77 Prozent... armes Ungarn, was wird aus Dir?

Traurig und gleichzeitig auch beängstigend...

desmoulins
02

einmal sind wir einer meinung...

Sandor Kocsis
01
12.6.2009, 11:12

da kann ich nur beistimmen

Mineralwasser
01
12.6.2009, 17:54

Ja, darin sind wir wirklich einer Meinung.

Käptn'
12
Beängstigend?

Die Sozis haben sicherlich Gründe Angst zu haben.

Ibsen
01
10.6.2009, 14:49
Das ist das, was ich u.a. nicht möchte...

... in einem Land leben, wo man (nur weil andere politische Richtung, andere Meinung...etc.) vor Faschos Angst habe muss...

Luky Pozzo
34
Grauenhaft.

In jeder Hinsicht.

Käptn'
43
Ildikó, lass uns weitersingen!

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!

Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.

Neumann
13
Hmm...

Schade, dass die grüne Partei nicht 5x so viele Stimmen hat (trotz gewissem Achtungserfolg keine Einheit in dem Lager), und dass noch keine geläuterten liberalen bzw. sozdem Kräfte abzusehen sind. Ich finde, die MSZP pfeift moralisch derart aus dem letzten Loch, dass etwas Neues her gehört.

Auch wundert mich, dass dem MDF hier noch jemand glaubt. Bokros dürften viele Liberale gewählt haben.

Einmal mehr verzerrende Formulierungen des Standard-Korrespondenten. Z.B. Rechter Mob 2006 und Querverbindung zur Jobbik:
- Am meisten wundert mich ja, dass die Linken Gyurcsány nach dem, was sich der erlaubt hat, nicht selber vertrieben haben.
- Obwohl auch Rechtsextreme auf der Straße waren, die Jobbik war damals statistisch noch kaum messbar.

Sandor Kocsis
00
12.6.2009, 11:16

Zum Mayer. Ja, der lässt sich das nicht nehmen. Schade, aber inzwischen lächerlich - und dank dem Forum ärgert es mich nicht mehr, weil jeder von uns darauf hinweist.

Aber, so wie es ausschaut, darf Mayer dann ab 2010 wieder nur von der Straße aus berichten, weil in Orbán nicht zu den PKs vorlassen wird.

Sandor Kocsis
00
12.6.2009, 11:15

ich glaube, dass einige MSZPler auch zur MDF gingen.

paci
78

endlich!

gebt den kommunisten keinen platz, dann verschwindet der jobbik-schlamm so schnell, wie er gekommen ist.

Luky Pozzo
34

Welche Kommunisten, werter Herr?

etepetete
65

die MSZP
die scheinen für den derzeitigen teilweisen staatsbankrott verantwortlich zu sein.
in Ungarn würd ich auch ned die Sozis wählen.
Für 50 Jahre Kommunismus hätt ich die persönlich ausm Parlamend gschmissn.

k. roithamer
22
wieso?

weil das land dem wahnsinn näher kommt? stimmt...das wird sicher lustig...

globetrottel
31

Es ist erschütternd. 420.000 Stimmen für die Faschos...

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