16 Leichen nach Airbus-Absturz geborgen

8. Juni 2009, 16:56
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Mutmaßungen über vereiste Messgeräte - Luftfahrt-Ermittlungsbüro warnt vor vorschnellen Schlussfolgerungen

Knapp eine Woche nach dem Airbus-Absturz über dem Atlantik sind nach Angaben der brasilianischen Luftwaffe am Wochenende insgesamt 16 Leichen aus dem Meer geborgen worden. Die gemeinsame Einsatzleitung der brasilianischen Marine und der Luftwaffe korrigierte am Montag in Recife die Zahl von 17 auf 16 geborgene Leichen. Die am Einsatz beteiligte französische Fregatte habe mitgeteilt, dass sie statt der acht gemeldeten Opfer nur sieben geborgen habe. Über neue Funde wurde zunächst nichts mitgeteilt. Angehörige hatten zuvor von zwei weiteren Leichenfunden berichtet, die jedoch offiziell nicht bestätigt worden waren.

Außerdem wurden mehrere Wrackteile der abgestürzten Air-France-Maschine geborgen. Den Angaben zufolge wurden neun Leichen von brasilianischen Rettungskräften und acht weitere Tote von französischen Militärhubschraubern abtransportiert. Alle geborgenen Leichen und Trümmerteile wurden rund 70 Kilometer entfernt von der Stelle gefunden, von der das letzte Funksignal der Maschine geschickt worden war. Die Marine und die Luftwaffe arbeiten bei der Suchaktion mit Hochdruck rund um die Uhr. An dem Einsatz rund 1.200 Kilometer vor der brasilianischen Festlandküste sind mehr als ein Dutzend Flugzeuge und sechs Schiffe beteiligt.

In der Hafenstadt Recife wurde ein Zentrum für die Identifizierung der geborgenen Toten eingerichtet. Über den Zustand der Leichen wollten die Behörden keine Angaben machen: Dies sei nicht im öffentlichen Interesse und gehe lediglich die Angehörigen etwas an. Darüber hinaus tauchten mittlerweile hunderte Objekte aus dem Flugzeug an der Wasseroberfläche auf. Unter anderem wurden ein Koffer mit einem Ticket für Flug AF447 sowie ein Rucksack mit einem Impfpass gefunden. Auch ein Laptop und ein Flugzeugsitz wurden geborgen. Angeblich war eine der Leichen in ihm festgeschnallt. Sie soll eine Bordkarte bei sich gehabt haben. Derartige Funde nähren die Hoffnung, dass die Flugschreiber der Maschine eventuell doch noch gefunden werden könnten.

Die US-Marine schickt heute, Montag, zwei Suchgeräte, die Signale einer Blackbox aus bis zu 6000 Metern Tiefe empfangen können. Bis dahin bleibt die tatsächliche Absturzursache von Flug AF447 ungeklärt. Allerdings mehren sich Indizien, dass Außenbord-Sonden des Airbus den Unfall mitverursacht haben könnten. Automatische Meldungen der Unglücksmaschine kurz vor dem Absturz belegen beträchtliche Unterschiede bei der Geschwindigkeitsmessung: Sollte die Maschine deshalb zu langsam in die Gewitterzone geflogen sein, könnte dies zum Abtrudeln beigetragen haben.

Pitot-Sonden

Die drei sogenannten Pitot-Sonden am Flugzeugbug messen Geschwindigkeit und Höhenverschiebung. Air France gab am Wochenende bekannt, dass sämtliche dieser Messgeräte an den Air-France-Airbussen der Typen A330 und A340 ausgetauscht werden. Die Maßnahme war schon im April, lange vor dem Unglück, beschlossen worden, weil bei der Vereisung der Sonden immer wieder Messdaten verlorengegangen seien. Andere Fluggesellschaften und der Hersteller Airbus reagierten vorerst nicht. 

Ein Airbus-Dokument habe 1996 eine ähnliche Unglückskonstellation erwähnt, berichtet das Journal du Dimanche: Dort, wo die Maschine abgestürzt ist, könnten "starke Gewitterwolken" Messdaten "schwer beeinträchtigen, sogar wenn die Enteisung der Sonden korrekt funktioniert", heißt es. 

Auch auf der französischen Piloten-Homepage Eurocockpit heißt es, dass der Ausfall „genau zu dem Resultat führt", das die automatischen Rückmeldungen nun vom Absturzablauf zeichnen. Das offizielle Luftfahrt-Ermittlungsbüro BEA in Paris warnt allerdings vor solchen vorschnellen Schlussfolgerungen: Derzeit wisse man zu wenig, um definitive Aussagen über Unglücksursache und Unfallhergang machen zu können.

Der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat den Angehörigen versprochen, alles nur Erdenkliche zu tun, damit möglichst alle 228 Opfer des Flugzeugabsturzes gefunden werden. "In diesem Moment des Schmerzes wird das zwar nicht das Problem lösen, aber es ist doch ein Trost für die Familien, zu wissen, dass sie ihre Lieben beisetzen können", sagte Lula am Montag in Brasília. "Wir wissen, was es für eine Familie bedeutet, wenn sie ihre verschwundenen geliebten Angehörigen zurückbekommt." (APA/Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD; Printausgabe, 8.6.2009)

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    Die Marine und die Luftwaffe arbeiten bei der Suchaktion mit Hochdruck rund um die Uhr. Alle geborgenen Leichen und Trümmerteile wurden rund 70 Kilometer entfernt von der Stelle gefunden, von der das letzte Funksignal der Maschine geschickt worden war.

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