"Forza Krone" oder: Eine Zeitung als Partei

7. Juni 2009, 19:43
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Eines zeigt der Ausgang der Europawahlen zweifellos: Die publizistisch-politischen Verfilzungen in Österreich werden zunehmen

Dem Herausgeber der größten österreichischen Tageszeitung ist zu gratulieren: Hans Dichands „Forza Krone" hat bei den Europawahlen klar den dritten Platz erreicht und ist ungefähr gleich stark wie die Rechtspopulisten von FPÖ und BZÖ. Auch Hans-Peter Martin, langjähriger Kolumnist des Massenblattes und seit Wochen täglicher, extrem EU-kritischer Serienautor, ist ein Populist, aber keiner, der mit Fremdenhass und Antisemitismus agiert hat.

In seiner ersten Stellungnahme im ORF hat Martin auch gleich einen innenpolitischen Konnex hergestellt - als „Hecht im Karpfenteich", der für sich in Anspruch nahm, einen Rechtsruck verhindert zu haben. FPÖ-Chef H.-C. Strache hat darauf sofort und wütend reagiert: Verdoppelung eines kurz nach dem freiheitlichen Desaster von Knittelfeld ziemlich schwachen Ergebnisses, aber weit weg von den Erwartungen, weil man von den Medien inklusive ORF „diffamiert" worden sei.

"Forza Krone" ist seit dem Wahlkampf vor den vergangenen Nationalratswahlen eine publizistische Bewegung, die jeweils eine bestimmte Liste und deren Spitzenkandidaten unterstützt. Bei den nationalen Wahlen war es Werner Faymann, diesmal ist es Hans-Peter Martin. Dass die Sozialdemokraten derart stark an die Liste Martin verloren haben, kann zweifach interpretiert werden. Zum einen: Als Warnung an den Bundeskanzler, die Ratschläge des Medienmoguls noch ernster zu nehmen. Zum zweiten: Noch mehr Anzeigengeld in die Krone zu stecken.

"Forza Krone" hat große Ähnlichkeiten mit der „Forza Italia" von Silvio Berlusconi. Der österreichische Schattenpräsident Dichand verfügt über einen publizistischen Einfluss, der jenem des italienischen Ministerpräsidenten auch ohne TV-Sender fast gleichkommt. Der Unterschied: Dichand selbst ist keine Marke, und für Berlusconis öffentliches Spiel mit Sex und Frauen ist der Krone-Miteigentümer doch schon zu alt. Er begnügt sich mit einer Riesensammlung von Sisi-Büchern.

Die beiden populistischen Marken sind Martin und Strache. Der Bestsellerautor als Einzelgänger, der Holzkreuz-Kämpfer als Comic-Held. Von der FPÖ ist daher in den nächsten Monaten zu erwarten, dass sie medial antaucht - über einen rechts-rechten Privatsender zum Beispiel.

Interessant ist, wie sich in nächster Zeit das Verhältnis zwischen „Forza Krone" und ÖVP entwickelt. Ernst Strasser, in dessen Zeit als Innenminister der schwarz-blauen Regierung 5000 Polizisten abgebaut wurden, wird zumindest rhetorisch auf Recht und Ordnung setzen. Und gegen den EU-Beitritt der Türkei. Welche Schlüsse Dichand daraus zieht, wird sich zeigen.

Noch nicht im Wiener Wahlkampf, weil die Verflechtung zwischen der SPÖ und Bürgermeister Michael Häupl (bis hinunter in die U-Bahn-Stationen) auch finanziell so eng ist, als dass die Zeitung irgendeine andere Neigung zeigen könnte. Eines zeigt der Ausgang der Europawahlen zweifellos: Wie in Italien werden die publizistisch-politischen Verfilzungen zunehmen. Deshalb ist auch eine effiziente ORF-Reform nicht zu erwarten. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2009)

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