Pleite-Gefahr treibt Arcandor zu Metro

7. Juni 2009, 18:49
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Der deutsche Handels- und Tourismusriese (Karstadt, Quelle) gibt den Weg für eine Übernahme durch den Metro-Konzern frei

Der Fahrplan für den Deal steht, Staatshilfe könnte dennoch benötigt werden.

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Essen/Düsseldorf - Bei den fieberhaften Rettungsversuchen für die Karstadt-Mutter Arcandor mit ihren 50.000 Beschäftigten ist ein Zusammengehen mit den Kaufhof-Warenhäusern des Metro-Konzerns in greifbare Nähe gerückt. Die beiden Gruppen vereinbarten am Sonntag einen Verhandlungsfahrplan zur Bildung einer "Deutschen Warenhaus AG" , wie Metro nach einem Krisengespräch mitteilte.

Zunächst soll geprüft werden, welche Häuser und Standorte eine wirtschaftliche Perspektive hätten. Für betroffene Mitarbeiter solle eine Transfergesellschaft gegründet werden. Karstadt und Kaufhof haben zusammen mehr als 50.000 Beschäftigte. Sie befürchten einen deutlichen Stellenabbau. Arcandor steht unter dramatischem Zeitdruck: Der Konzern hatte am Samstag gewarnt, dass er sofort Insolvenz anmelden müsse, wenn die Bundesregierung den beantragten Notkredit von 437 Millionen Euro am Montag ablehne.

Staatshilfen möglich

Alle Seiten hätten sich bereiterklärt, substanzielle Beiträge zur Bildung einer Warenhaus AG zu leisten, teilte Metro mit. Dazu gehörten Beiträge der Eigentümer ebenso wie der Vermieter. Es blieb zunächst unklar, ob damit weiterhin Staatshilfen gebraucht werden. Arcandor hatte zuvor mitgeteilt, weiterhin auf Staatsgeld angewiesen zu sein, zum Beispiel für die Versandhandelssparte Primondo mit Quelle. Am 12. Juni läuft ein 650-Millionen-Euro-Kredit aus, spätestens bis dahin muss eine Lösung stehen. Die deutsche Regierung steht staatlichen Hilfsmaßnahmen bisher skeptisch gegenüber und macht sich für eine privatwirtschaftliche Lösung stark.

Mitten in die Beratungen platzten am Wochenende Enthüllungen, denenzufolge sich Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff bei Immobiliengeschäften von Karstadt bereichert habe. Die deutsche Justizministerin Brigitte Zypries forderte im Spiegel, Hinweise zu prüfen, wonach Middelhoff und seine Ehefrau an einem Immobilienfonds beteiligt sein sollen, der Gebäude zu außergewöhnlich hohen Mieten an die Arcandor-Tochter Karstadt vermietet haben soll.

Strukturelle Schwierigkeiten

Arcandor kämpft nicht nur mit finanziellen, sondern auch mit strukturellen Problemen. Die traditionsreichen Warenhäuser in den Innenstädten mit ihrem "Alles unter einem Dach"-Prinzip verlieren gegen Discounter, Shoppingcenter, spezialisierte Ketten und immer mehr auch gegen Online-Versandhäuser an Boden. In den 90er-Jahren verschwanden bei der bis dahin größten Konsolidierungswelle Traditionsmarken wie Horten und Hertie, aber auch die Kaufhof-Billigtochter Kaufhalle vom Markt, wobei die Marke Hertie später für die ausgegliederten Karstadt-Häuser wiederbelebt wurde.

Der Grundstein für den heutigen Arcandor-Konzern wurde 1881 von Rudolph Karstadt gelegt, der sein erstes Warenhaus in Wismar gründete. Neben 89 Karstadt-Filialen und Premium-Häusern wie dem Berliner KaDeWe zählt der Reiseanbieter Thomas Cook und der Versandbereich rund um Quelle zur Gruppe. (red, dpa, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2009)

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    Arcandor hofft auf staatlichen Geldregen - den benötigt der Handels- und Touristikriese selbst bei einer Übernahme durch die Metro-Gruppe. Die Regierung drängt auf eine private Lösung.

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