Theaterkonturen aus Schall und Whiskeydunst

7. Juni 2009, 18:03
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"The Sound and the Fury" bei den Wiener Festwochen

Wien - Alles, was man für den langatmigen, aber faszinierenden Theaterabend The Sound and the Fury in der Halle G des Museumsquartiers wissen muss, hat man sich am besten vorab angelesen. Die Theaterinstallation der Festwochen-Gäste Elevator Repair Service aus New York ist der Versuch einer szenischen Vergegenwärtigung des William-Faulkner-Romans Schall und Wahn.

Nur der Student der frühen amerikanischen Moderne wird vielleicht zu schätzen wissen, was Faulkner in seinem multiperspektivischen Prosadelirium (1929) hinreißend gelang. Er zerriss das epische Geschehen. Er verteilte die Sprecherrollen auf vier Figuren.

Im assoziativen Vor- und Zurückspringen wird der Untergang einer Südstaatenfamilie mehr angedeutet als abgebildet. Die Kohärenz der Erzählung aber löst sich allmählich auf in Schall und Whiskeydunst. Die Compsons - so heißt die Familie in Faulkners mythischem "Yoknapatawpha County" - haben vier Kinder, deren jüngstes zurückgeblieben ist. Benjamins ("Benjys") Bewusstseinsstrom ist die reißende Prosaflut, auf der dieser von John Collins inszenierte Abend (April Seventh, 1928) wie auf morschen Planken dahintreibt.

Es herrschen vollendet demokratische Spielregeln. Jeder Schauspieler, jede Schauspielerin kann jede Figur spielen. In einer grün getäfelten Wohnungslandschaft (Bühne: David Zinn) hat man es mit maulfaulen Provinzlern zu tun: einem trunksüchtigen Vater, einer nervenkranken Mutter. Kindern, die einander inzestuös zugetan sind. Farbigen Hausverwaltern, die Rechte genießen und ihren Arbeitspflichten in stiller Erschöpfung obliegen.

Benjy aber, der kastrierte, geistig behinderte "Philosoph", ist der stille Kraftkern dieser Gesellschaft. Ein rätselhafter Puck (Susie Sokol) im Erwachsenenalter mit schwarzem Schopf, der seine Hände in der Hose vergräbt und sich außerstande zeigt, aus den Ereignissen eine zusammenhängende Kette mit Anfang und Ende zu bilden.

Irrwitziges Country-Ballett

Es geht also fast wie im richtigen Leben zu bei Elevator Repair Service: Aus einem vorsintflutlichen Radiomöbel schallt Countrymusik, die zwei der verkommenen Compson-Brüder zu grotesken Ballettnummern inspiriert. Die Mosaiksteinchen eines in ewiger Gegenwart verharrenden, wie in Bernstein gegossenen Lebens erzeugen einen eigentümlichen Sog - der in der überhitzten Atmosphäre des Museumsquartiers auch härteste Ansprüche an das Aufnahmevermögen des Publikums stellte.

Wie schon vor Jahren mit Fitzgeralds Der große Gatsby ist das Zusammentragen von tausenderlei feinsten Facetten das tolle, wahnwitzige Geschäft dieser New Yorker Theatermacher. Figuren aus Fleisch und Blut geben sich als indirekte Redner ("..he said") zu erkennen. Große Kunst der Moderne. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2009)

 

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