Keine Angst vor der Angst

7. Juni 2009, 17:49
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Nathalie Djurberg erhielt den Silbernen Löwen als beste Nachwuchskünstlerin

Im italienischen Pavillon läuft endlos die wilde Jagd der Nathalie Djurberg (Jahrgang 1978): Ein Pärchen (Adam und Eva) hetzt durch eine bedrohliche Grottenbahnnatur von bizarrer Schönheit - was im Garten Eden essbar ist und was selbst fleischfressend, ist noch völlig ungeklärt. Womit man bei einem der großen Nachteile des Weltenbauens gelandet ist: Die Bewohner der je inspiriert generierten Landschaften müssen sich erst einmal an ihre Umgebung gewöhnen; damit zurechtkommen, was "Natur" ihnen abverlangt.

Und das geht nie ohne Opfer, wobei: Nathalie Djurberg verhandelt die Konsequenzen des Schöpfungsgedankens in Plastilin. Die Schwedin baut wildfremde Landschaften, in denen sie Protagonisten der Welt aussetzt. In Experimented, der eben für den besten Beitrag eines jungen Künstlers (Silberner Löwe von Venedig) ausgezeichneten Installation, gehen Adam zunächst die Lippen durch:

Er brabbelt eingedenk Evas allerhand Unsinn, er hat - kaum ist er auf der Welt - den Sinn für Recht und Unrecht verloren. Weil: Begehren hat ihn gepackt, und also muss das Verhältnis von Erotik und Gewalt sodann neu definiert werden. Fatalerweise folgt der (gottgegebenen) Grundausstattung mit Ratio sofort deren Infragestellung. Blöd, aber wahr: Es dominiert - kaum erweckt - das Gemächt den Charakter. Aus diesen Basics zum Ursprung der Kulturtechniken leitet Nathalie Djurberg ihre Animationsfilme ab - wunderbar altmodisch handgemachte Umsetzungen von Träumen, die eigentlich nur in Vollmondnächten vorkommen.

Den geschätzten Besucher der Biennale in Venedig erwartet ein dichter Garten Eden, in dem - wie im wirklichen Leben auch - schiefläuft, was läuft. Wer den Schritt in Richtung Kultur setzt, darf vor Angst eben keinen Angst haben. Biennale-Chefkurator Daniel Birnbaum hat die Löwen-Jury heuer auf seine Linie gebracht, bzw. wurde das Vorhaben im Ansatz bestätigt, eine Biennale den Künstlern und nicht den Innenausstattern zu widmen. (Markus Mittringer aus Venedig / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2009)

 

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    Nathalie Djurberg.

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