Unter Engelsfittichen

7. Juni 2009, 16:46
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Nach einer Woche bei Sonnenschein traf ich in Kalisz ein. Oleśnica hatte ich besichtigt, durch Twardogóra war ich nach einer Rast hindurchgegangen

In einem verfallenden Herrenhaus war mir ein kleines Mädchen mit einer Feder wie eine Lichtgestalt aus einer anderen Welt erschienen. 

War über unzählige Felder, durch Wälder und über staubige Landstraßen gewandert. Habe in Jugendherbergen, Hotels und auf Bauernhöfen übernachtet.

In Huta hatte ich eine kurze Osterpause eingelegt, Ostrów Wielkopolski besichtigt, und jetzt in Kalisz nahmen sich zwei Engel meiner an. Führten mich durch die Stadt, auf Pressekonferenzen, zum Stadtpräsidenten. Brachten mich zum Haare schneiden, für das der Friseur, der in seinem Kittel blendend weiß schien wie ein himmlischer Geist, keinen Groschen von mir nehmen wollte, als er meine Geschichte hörte: "Es ist mir eine Ehre!" wiederholte er immer wieder, als er mir die Hand zum Abschied schüttelte, und ich stammelte völlig verdutzt, zurück: "Ganz meinerseits, ganz meinerseits!". Gar eine Beinmassage hatte die Stadt für mich organisiert, das bisher wohl durchdachteste Geschenk während meiner Reise.

Kalisz rühmt sich, die älteste Stadt Polens zu sein, da sie bereits 150 n. Chr. erstmals urkundlich erwähnt wurde: Der alexandrinische Geograph Claudius Ptolemäus benennt Calisia in seinem Werk "Geographia" als einen von Vandalen bewohnten Ort. Seine intensive römische Besiedelung hat Calisia seiner idealen Lage an der Bernsteinstrasse zu verdanken.

Kalisz hat eine bewegte Geschichte hinter sich: auf seine Blütezeit im 15. und 16. Jahrhundert folgten in den beiden darauffolgenden Jahrhunderten große Brände, die die Entwicklung der Stadt zurückwarfen. Der schlimmste Brand wütete 1792 und legte die ganze Stadt in Schutt und Asche. Ab 1815 gehörte Kalisz zum Königreich Polen und erblühte zu einem wichtigen Verwaltungs-, Wirtschafts- und Kulturzentrum. Noch einmal zu 95 Prozent zerstört wurde Kalisz im August 1914 durch die preußische Armee. Sein Wiederaufbau in den 20er und 30er Jahren war ein enormes Unterfangen und hat der Stadt ihr heutiges Aussehen gegeben.

"Was war wohl das wichtigste Ereignis für Kalisz?" fragt mich Dorota, der blonde meiner beiden Engel hier. Ich zögere. "Der Besuch von Papst Johannes Paul II am 4. Juni 1997 während seiner fünften Polenreise! Schau, die unzähligen, ständig brennenden Kerzen vor seinem Denkmal!" Ja, für die Polen ist Johannes Paul II längst ein Heiliger, da ist es ganz unwichtig, was Rom dazu meint, und er ist mit Abstand die wichtigste Figur des 20. Jahrhunderts.

Die so freundliche und warme Beziehung der Menschen zu diesem Mann ist beeindruckend, und wieder merke ich, wie viel Vertrauen und Kraft der Glaube ihnen gibt, wie stark er sie vereint.

Nachdenklich ziehe ich wieder von dannen, vermeine noch, das Rascheln von Flügeln zu vernehmen, als ich die Stadt verlasse. In Richtung Norden, über die Dörfer, die Felder, die Wälder, durch dieses Polen... (Markus Zohner)

  • Kalisz rühmt sich, Polens älteste Stadt zu sein.
    foto: zohner

    Kalisz rühmt sich, Polens älteste Stadt zu sein.

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