Auf dem platten Land

7. Juni 2009, 17:05
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Raus aus den Großstädten und rein in die Herausforderungen: "Country Teacher", "Rückenwind" und das Kurzfilmprogramm "Landleben"

Zwar kommt das Wetter KinogängerInnen heuer eher entgegen als bei subtropischen "Identities"-Ausgaben der Vergangenheit, aber frischer Wind schadet ja nie. Quer durchs Festivalprogramm ziehen sich einige Filme, in denen die ebenso schützenden wie einengenden Großstadt-Enklaven verlassen und queere Lebensentwürfe auf ihre Tauglichkeit für die "Provinz" überprüft werden. Ein eventuell erwartetes feindliches Meinungsklima auf dem platten - oder auch gebirgigen - Land steht aber nicht im Mittelpunkt der Filme, die Herausforderungen lauern anderswo.

Im tschechischen Film "Venkovský Ucitel" ("The Country Teacher") von  Bohdam Sláma macht gleich die erste Einstellung deutlich, dass Protagonist Petr - bzw. "Herr Odehnal" - in einer neuen Welt angekommen ist: Zwischen Barockkirchlein und Fußballtor bewegt sich der frisch aus Prag eingetroffene Junglehrer auf seinen neuen Arbeitsplatz zu. Zwar argwöhnt der Direktor der Dorfschule kurz, dass es seinen eindeutig überqualifizierten neuen Biologielehrer wohl nicht ganz freiwillig in die Provinz verschlagen hat, doch werden hier keine Skandale nachträglich entrollt werden. Der etwas mausige Petr ist einfach auf der Flucht vor seiner überlebensgroßen Mutter, mit der er nicht an derselben Schule unterrichten wollte, und vor seinem aufdringlichen Ex-Freund. Und vor allem anderen vor sich selbst.

Das selbstgewählte Exil als Strategie der Lebensverweigerung ist jedoch zum Scheitern verurteilt, spätestens als Petr sich mit der Bäurin Maruska und deren 17-jährigem Sohn Lada anfreundet und mehr an persönlicher Involvierung abbekommt, als ihm lieb ist. Sein Ex trifft zu allem Überfluss auch noch ein und mischt die fragilen Beziehungen auf - in seiner wachsenden Not versucht der nicht-religiöse Petr gar göttliche Einsicht zu erlangen, doch zerstört eine kirchliche Putzkraft den Moment der Andacht in komisch-profaner Weise mit Staubsaugerlärm: Noch eine gescheiterte Annäherung also, von denen es auch auf der zwischenmenschlichen Ebene eine nach der anderen gibt. "The Country Teacher" ist keine Romanze, in der kitschige Lösungen vom Himmel fallen, aber dennoch ein positiver Film über das Sich-Zusammen-Raufen. Schließlich sind Menschen doch nicht wie die Bärtierchen, die unter Petrs Mikroskop jedes für sich allein dahinexistieren.

Auf eine ganz ähnliche - und gänzlich problemunbeladene - Mutter-Sohn-Konstellation treffen Johann und Robin, ein junges schwules Paar aus Berlin, in Jan Krügers "Rückenwind". Zwecks Abwechslung unternehmen die beiden eine Radtour ins Umland, die nach dem Diebstahl der Fahrräder zu einer Entdeckungsreise zu Fuß wird. Mit wenigen Worten und einem knapp gehaltenen Drehbuch auskommend, entfaltet sich "Rückenwind" als Reihe von Impressionen der Landschaft, der Sommerstimmung und der sich weiterentwickelnden Beziehung von Johann und Robin. In der eine anfangs noch kleine Unausgewogenheit vorhanden ist, die später eskalieren und in ein entscheidendes Ereignis münden wird: Was genau geschieht, hat Krüger jedoch - ganz dem Schwebezustand, in dem sich der Film befindet, entsprechend - jedem für eigene Interpretationen offen gelassen.

Geografisch weit gestreut schließlich ein Kurzfilmprogramm mit drei Arbeiten aus Deutschland, Island und der Schweiz. In Lukas Eggers 16-minütigem Film "Landleben" schließt sich die Lücke, die die ATV-Reihe "Bauer sucht Frau" auch in der neuen Staffel wieder offen lässt: Jungbauer Julian bräuchte dringend einen Mann - doch kommt der passende Kandidat aus der Großstadt und bringt einen ordentlichen Culture Clash mit sich. Bauer ist auch Elnar in Grímur Hákonarsons 21-minütigem "Braedrabylta" ("Wrestling") - hat bis zur Selbstakzeptanz aber noch ein ordentliches Stück Weges zurückzulegen. Vorerst ist der - für unsere Augen recht exotisch anmutende - traditionelle isländische Ringkampf die einzige Form öffentlichen Körperkontakts, die er sich mit seinem Trainingspartner erlaubt.

Till Kleinerts 35-minütiger Film "Cowboy" schließlich setzt in subtil spannender Form auf Doppelgleisigkeit: Immobilienmakler Christian trifft auf einem abgelegenen Gehöft ein, wo er als einzigen Bewohner einen jungen Mann antrifft, der ihn von Anfang an belauert. "Cowboy" ist auf Queer-Film-Festivals ebenso zuhause wie auf Horrorfestivals - und mit seinen überraschenden Wendungen dazu angetan, das jeweilige Teilpublikum kalt zu erwischen. Anschnallen und der Dinge harren, die da kommen!
(Josefson)

"Venkovský Ucitel" ("The Country Teacher"): 9. 6., 20h, Filmcasino

"Rückenwind": 11. 6., 20h, Filmcasino

Kurzfilmprogramm "Landleben": 11. 6., 18h, Filmcasino

  • Versuch einer Annäherung: Maruska und Petr in "The Country Teacher".
    foto: identities

    Versuch einer Annäherung: Maruska und Petr in "The Country Teacher".

  • Radtour mit Folgen: Johann und Robin sind nicht nur mit "Rückenwind" unterwegs.
    foto: identities

    Radtour mit Folgen: Johann und Robin sind nicht nur mit "Rückenwind" unterwegs.

  • Unverhofft kommt einmal öfter: "Cowboy".
    foto: identities

    Unverhofft kommt einmal öfter: "Cowboy".

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