Lage bei Arcandor spitzt sich offenbar zu

6. Juni 2009, 17:43
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Karstadt soll laut Berichten Mieten für Warenhäuser nicht mehr bezahlen

Berlin/Essen - Beim schwer angeschlagenen deutschen Handelskonzern Arcandor spitzt sich die Lage offenbar immer mehr zu. Die Konzerntochter Karstadt bezahlt Zeitungsberichten zufolge seit Freitag die Mieten für ihre Warenhäuser nicht mehr. Das habe das Unternehmen bei einem Krisentreffen im deutschen Wirtschaftsministerium mit Vertretern von Gläubigerbanken, Aktionären und Immobilieneigentümern eingeräumt, berichten die "Süddeutsche Zeitung" (Samstag-Ausgabe) und die Zeitung "Bild am Sonntag".

Ein Arcandor-Sprecher wollte sich zu den Berichten nicht äußern. "Das sind Details zu Geschäftsbeziehungen, die wir nicht kommentieren", sagte er am Samstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Arcandor ist seit dem Verkauf aller Karstadt-Häuser vor zwei Jahren nur noch Mieter der Filialen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisierte in der "Bild am Sonntag" bei Arcandor "ein erhebliches Missmanagement mit äußerst ungünstigen Vertragsgestaltungen, zum Beispiel bei den Mietverträgen".

Deutschlands Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) sprach sich dafür aus, die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff zu prüfen. Sie sei über Zeitungsberichte beunruhigt, der Manager und seine Ehefrau seien an Immobilienfonds beteiligt, die mehrere Gebäude zu außergewöhnlich hohen Mieten an Karstadt verpachteten, schrieb Zypries laut dem Magazin "Der Spiegel" an ihre nordrhein-westfälische Amtskollegin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU). Das Düsseldorfer Justizministerium hat das Schreiben nach Angaben eines Sprechers an die zuständige Staatsanwaltschaft Essen weitergeleitet.

Er begrüße eine entsprechende Initiative von Zypries, sagte Middelhoff der "Welt am Sonntag". Der gesamte Sachverhalt sei von den zuständigen Gremien des Unternehmens, Wirtschaftsprüfern und Anwälten zwar bereits intensiv geprüft und abschließend bearbeitet worden. Eine juristische Untersuchung aber werde "den jetzt aus der Anonymität heraus vorgetragenen Angriffen den Boden entziehen", fügte Middelhoff hinzu. Er versicherte, er werde die Arbeit der zuständigen Stellen "vollumfänglich" unterstützen.

Arcandor hat einen Notkredit von 437 Mio. Euro beantragt. Ohne finanzielle Hilfe droht dem Konzern nach eigenen Angaben am kommenden Freitag die Zahlungsunfähigkeit. Der vom Bund beauftragte Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers wies laut Berichten mehrerer Medien auf "deutliche Risiken" einer Staatsbürgschaft hin. Arcandor habe fast alle Unternehmensteile für laufende Betriebsmittelkredite verpfändet.

METRO-Chef Eckhard Cordes hält einen Zusammenschluss von Kaufhof und Karstadt zu einer Deutschen Warenhaus AG innerhalb von zwei Monaten für möglich. "Wir haben der Politik und Karstadt einen zügigen Vier-Stufen-Plan zur Rettung angeboten", sagte er der "Bild am Sonntag". Cordes will Berichten zufolge 60 der 91 Karstadt-Filialen mit der Kaufhof-Kette von METRO verschmelzen.

Merkel zeigte sich erneut skeptisch gegenüber Staatshilfen für Arcandor. "Wir können nicht zulassen, dass der Steuerzahler dafür einspringen muss, dass andere eine Misswirtschaft betrieben haben und heute nicht für den Schaden eintreten wollen", sagte sie bei einer Wahlkampfveranstaltung in Heidelberg. Der deutsche Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) forderten als Voraussetzung für eventuelle staatliche Hilfen unter anderem ein stärkeres Engagement der Eigentümer.

Der Arcandor-Sprecher sagte dazu, der Konzern habe in Berlin ein Konzept vorgelegt, das erhebliche Beiträge von Mitarbeitern, Eigentümern und Partnern zur Sanierung des Konzern beinhalte. Zusammen beliefen sich diese Zugeständnisse auf fast 700 Mio. Euro. Laut Medienberichten will die Privatbank Sal. Oppenheim, die inzwischen größter Arcandor-Anteilseigner ist, eine geplante Kapitalerhöhung von 100 auf 150 Mio. Euro aufstocken. Der "Spiegel" schreibt, Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz, die in den vergangenen Jahren bereits massiv Vermögen verloren hatte, soll bereit sein, allenfalls noch einmal 40 Mio. Euro nachzuschießen.

Ab Sonntag wollen sich Karstadt-Mitarbeiter in allen Warenhäusern mit Mahnwachen und Demonstrationen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze einsetzen. Die rund 32.000 Beschäftigten seien aufgerufen, alle Filialen zu "besetzen" und die Schaufenster für Informationen in eigener Sache zu nutzen, erklärte die Gewerkschaft ver.di in Berlin. Der für Stadtentwicklung zuständige Minister Wolfgang Tiefensee will zudem am Sonntag mit Oberbürgermeistern von Karstadt-Standorten und Konzernvertretern zusammenkommen.

Der ebenfalls zu Arcandor gehörende Reiseanbieter Thomas Cook bestätigte unterdessen am Samstag Gespräche mit dem Betriebsrat über ein Sparprogramm in Deutschland. Eine mit der Situation vertraute Person bestätigte auch Pläne für Stellenstreichungen, die demnach vorrangig ohne Kündigungen erreicht werden sollen. (APA/dpa/Reuters/AP)

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