Triebe oder Unkraut?

5. Juni 2009, 19:32
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Jüngste Daten legen nahe, dass das Tempo, mit dem die Weltwirtschaft schrumpft, nachlässt

Jüngste Daten legen nahe, dass das Tempo, mit dem die Weltwirtschaft schrumpft, nachlässt. Doch jene zaghaften frischen Triebe, von denen wir dieser Tage so viel hören, könnten selbst mittelfristig durchaus von welkem Unkraut überlagert werden, was eine schwache weltweite Erholung während der nächsten zwei Jahre einläuten dürfte.

  • Die Beschäftigung in den USA und in anderen Volkswirtschaften nimmt noch immer rapid ab.
  • Dies ist eine Solvenz- und keine bloße Liquiditätskrise, ein echter Abbau der Fremdkapitalpositionen hat bisher nicht wirklich begonnen.
  • Die Verbraucher in Ländern mit Leistungsbilanzdefiziten werden ihre Ausgaben verringern und deutlich mehr sparen müssen - und zwar für viele Jahre.
  • Die herkömmlichen Geschäftsbanken sitzen auf riesigen Kredit- und Wertpapierverlusten und sind ernsthaft unterkapitalisiert. Die Kreditverknappung wird nicht so schnell nachlassen.
  • Die durch hohe Schulden und Ausfallrisiken, niedriges Wirtschaftswachstum sowie anhaltenden deflationären Druck auf die Margen bedingte schwache Ertragskraft wird der Bereitschaft der Unternehmen zu produzieren, Mitarbeiter einzustellen und zu investieren weiter Grenzen setzen.
  • Der wachsende Grad der Staatsverschuldung wird letztlich zu steigenden Realzinsen führen, die private Ausgaben verdrängen und sogar die Fähigkeit einzelner Staaten zur Refinanzierung gefährden.
  • Die Monetarisierung der Haushaltsdefizite wirkt kurzfristig nicht inflationsfördernd, während lustlose Produkt- und Arbeitsmärkte enorme deflationäre Kräfte implizieren. Doch falls die Zentralbanken keine klare Ausstiegsstrategie aus einer Politik finden, die die Geldbasis verdoppelt oder verdreifacht, wird es letztlich entweder zu Preissteigerungen bei den Waren oder einer sonstigen gefährlichen Vermögenswert- oder Kreditblase kommen.
  • Einige Schwellenmärkte mit schwächeren wirtschaftlichen Rahmendaten werden ggf. nicht in der Lage sein, eine schwere Finanzkrise zu vermeiden - trotz massiver IWF-Unterstützung. Die frischen Triebe der Stabilisierung könnten daher dem welken Unkraut der Stagnation weichen, falls mehrere mittelfristige Faktoren die Fähigkeit der Weltwirtschaft, zu einem nachhaltigen Wachstum zurückzukehren, einschränken. Ohne Beseitigung dieser strukturellen Schwächen wird die Weltwirtschaft in 2010-2011 zwar möglicherweise wachsen, doch mit blutleerem Tempo. (©Project Syndicate, 2009, Übersetzung: Jan Doolan; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.6.2009)

Zur Person

Nouriel Roubini ist Professor für Ökonomie an der Stern School of Business in New York.

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