Na endlich: Mir wieder unter sich

5. Juni 2009, 19:02
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Ursula Stenzel und ihre Inspiration für den EU-Wahlkampf in Österreich – Eine Post-EURO-Polemik

Man hat sich ja eh nicht wunders was erwartet. Dass unsereiner Europameister werden könnte, war sowieso ausgeschlossen. Aber auch der Aufstieg aus der Gruppenphase war nur unter gewissen Umständen und ab einer bestimmten Promillegrenze vorstellbar. Dass es dann immerhin ein Tor aus einem Elfmeter geworden ist, wurde durchaus als Erfolg gewertet. - Sportlich ist man also von vornherein auf dem Boden geblieben.

Der trefflichste Satz zur EURO stammt vom Teamchef. Als wegen heftigen Regens das Training nach einer Viertelstunde abgebrochen werden musste, erklärte er den Medien, dass das durchaus im Plan läge, denn: "Heute haben wir nur unsere Stärken trainiert." In Deutschland erhielt Josef Hickersberger dafür einen Ironie-Award. Dabei hat er das bierernst gemeint. So verschieden sind eben die europäischen Völker.

Ein Jahr später stehen wieder Europa und seine Völker im Mittelpunkt österreichischen Interesses. Und wieder drängen sich massenweise Kandidaten für irgendeinen falsch verstandenen Ironie-Award auf. Jenen etwa, der im Vorjahr der Ursula Stenzel gebührt hätte, die doch tatsächlich gemutmaßt hatte, biersaufende Hooligans aus ganz Europa würden Wiens Innere Stadt, der sie politisch vorsteht, als ein riesiges Urinal missverstehen.

Besser hätte man Österreichs Vorstellungen von denen, die nicht "mir" sind, gar nicht auf den Punkt bringen können. Der am Sonntag mit dem Finale endende EU-Wahlkampf war da nichts anderes als eine zuweilen langatmige Umschreibung der Stenzel'schen Phobie. Dass die, wie sich dann erwies, ins Leere gefürchtet war, tut nichts zur Sache. Die Angst vor realen Verfolgern ist ja auch bei Paranoikern relativ klein.

Es ist schon sehr erstaunlich, geradezu lehrreich, welche Spuren die EURO hinterlassen hat. Da man als Teilnehmer ohnehin nicht mehr vorhatte, als teilzunehmen, hatte man sich als eigentliches Ziel gesetzt, die Gastgeberrolle vorbildlich - und imagebildend - auszufüllen. Und woran erinnert sich zum Beispiel Burgenlands roter Landeshauptmann, der immerhin zwei Nationalmannschaften in seinem Bundesland beherbergte?

Ein Stimmungsgewirr

Hans Niessl erinnert sich ein Jahr danach, dass für die Zeit der EURO das Schengenabkommen außer Kraft gesetzt worden ist. Und deshalb wirft er, vorderhand bloß als Frage, in - um jetzt das Wort "Debatte" zu vermeiden - das Stimmungsgewirr, ob man so eine Wiedereinführung von schengenwidrigen Grenzkontrollen nicht wieder andenken solle. "Ja, ja, ja" , hallt es da aus dem Wald. Und die SPÖ kann sich - wie vor einem Jahr, als der legendäre Brief an die Kronen Zeitung abgeschickt wurde - dem Gefühl hingeben, die Themenführerschaft innezuhaben.

Ökonomisch ist die EURO im Nebel des Gefühlten hängengeblieben. Ob es "Wertschöpfungseffekte" gegeben hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Dazu hätte es, sagen Experten, einer "begleitenden Beobachtung" bedurft. Die es aber nicht gab. Falls es aber doch eine gewisse "Umwegrentabilität" gegeben hat, dann sei sie mit Ausbruch der Krise "neutralisiert" worden.

"Eh wurscht" , meinen die Insider. Eigentliches Ziel sei ja ohnehin die touristische Imagepolitur gewesen, sozusagen das Aufpäppeln einer altg'vaterischen Sommerfrische zur mondänen Destination. Was aber dem Wertschöpfungseffekt die Krise, ist dem "Imagegewinn" der Wahlkampf. Das Kreuz in der Hand hat längst "neutralisiert" , was TV-Bilder damals eventuell über den Kontinent getragen haben.

Das Gastland Österreich darf aufatmen. Das Zwangslächeln während der Hochsaison ist vorbei. Jetzt, endlich, "san mir wieder unter sich". (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 6.6.2009)

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