"Boss-Napping" als lukratives Geschäft

5. Juni 2009, 18:43
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In Bulgarien scheint die Polizei dem Trend in der brutalsten Form nicht gewachsen zu sein

Boss-Napping in der brutalsten Form scheint sich in Bulgarien zu einem lukrativen Geschäft zu entwickeln. Die Versicherungsgesellschaft Lev Ins bietet mit Lloyd's of London eine Polizze für den Entführungsfall und Lösegeldforderungen an.

Sechsstellige Lösegeld-Summen

Kürzlich wurden zwei Manager Opfer von organisierten Banden: Vor den Augen spielender Kinder wurde etwa der Mittelständler Wene Sotirow am 16. April von Unbekannten in Gendarmenuniform in ein Polizeiauto gezwängt und entführt. Für die Freilassung forderten die Kidnapper 500.000 Euro von seiner Tochter. Nachdem es jedoch zu keiner Einigung gekommen war, gibt es keine Nachrichten mehr über das Opfer.

Nur wenige Tage vor der Entführung Sotirows wurde Manager Kiro Kirow gegen ein Lösegeld in Höhe von 620.000 Euro freigelassen. Kirow ist Vertreter von mehr als 80 ausländischen Firmen für Maschinen- und Werkzeugbau, darunter Bosch und Komatsu, und größter Sponsor der populärsten konservativen Partei GERB (Bürger für Europäische Entwicklung Bulgariens). Der Großunternehmer musste achtzehn Tage in einem 3,5 mal zwei Meter großen Keller verbringen, der nur durch zwölf Löcher gelüftet wurde.

Kirows Sohn holte sich, statt zur Polizei zu gehen, Rat bei einem anderen Entführungsopfer - bei Angel Bontschew, dem ehemaligen Präsidenten des Fußballklubs Litex Lowetsch, der während seiner Gefangennahme vor einem Jahr bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert wurde. Als Rache für die Nichtbereitschaft seiner Verwandten, die gestellten Forderungen zu erfüllen, schnitt die Bande ihm zwei Finger ab. Kirow-Junior zeigte sich deshalb in den Medien stolz darauf, den Vater heil befreit zu haben - und zwar ohne die Hilfe der Polizei.

Vielzahl an Entführungen

Über solche Selbsthilfe-Strategien ist man im Innenministerium nicht erfreut. In einem Paket von Vorschlägen zu Gesetzesänderungen, wie etwa der Sperrung von Konten und Geldprämien für Zeugen, forderte Innenminister Michail Mikow deshalb, Lösegeldzahlungen unter Strafe zu stellen. "Auch wenn dies am Anfang das Leben mancher Gekidnappten kosten dürfte", sei die Maßnahme wirkungsvoll, sagt Mikow.

Dass die neue Welle von Manager-Entführungen allein durch Gesetzesänderungen gestoppt werden kann, bezweifeln Experten. Sie sehen darin eher die Versuche des Ministeriums, sich der harschen Kritik an der Unfähigkeit der Kriminalpolizei zu entziehen. Kein großer Fall der vergangenen Jahre wurde erfolgreich gelöst. Der Staatsanwaltschaft zufolge habe es in Sofia in den vergangenen drei Jahren 16 registrierte Entführungen gegeben. Die tatsächliche Zahl dürfe um einiges höher liegen.

Wenig Vertrauen in die Polizei

Der Vorsitzende des parlamentarischen Innenausschusses, Mintscho Spassow, erklärte, die verheerend schlechten Ermittlungsergebnisse der Polizei hingen damit zusammen, dass ehemalige Beamte sich kriminellen Banden angeschlossen haben. Der Innenminister weist diese Vorwürfe zurück. Sie wirken sich jedoch weiterhin schlecht auf das extrem niedrige Prestige seiner Behörde aus: Laut einer Erhebung des Open Society Institutes vertrauen nur 25 Prozent der Bulgaren den eigenen Ordnungshütern - der niedrigste Wert europaweit.  (Diljana Lambreva aus Sofia, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.6.2009)

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