Wirklich nicht mehr als süße Worte und heiße Luft?

5. Juni 2009, 18:40
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Austro-muslimische Anmerkungen zu Obamas Rede in Kairo - Von Farid Hafez

Wer sich einen konkreten Plan von Obama erwartet hat, um die Welt von heute auf morgen zu ändern, der ging gewiss mit unerfüllbaren Ansprüchen an die Rede Obamas in Kairo heran. Sicherlich ist es richtig, dass "konkrete Schritte den Worten Obamas folgen" müssen, wie manche Stimmen - nicht nur - aus der muslimischen Welt meinten (vgl. Pressestimmen). Völlig überzogen aber ist es, wenn etwa der iranische Ayatollah nichts als "süße und schöne Worte" in Obamas Rede zu finden vermag. Denn Obama hat (man möge annehmen, ehrlicherweise) auch klar gesagt, dass die Änderungen "nicht über Nacht passieren" könnten - wissend, dass er mit einer Rede alleine noch nicht die Herzen und Köpfe der muslimischen Welt gewinnen kann.

Notwendige Abgrenzung

Wichtige Aber die Rede sollte fairerweise so betrachtet werden, wie sie intendiert war: als grundsätzliche Positionierung einer neuen US-Administration, der es nach acht Jahren neokonservativer Feindeshaltung, in denen "Intellektuelle" wie Norman Podhoretz den Ton vorgaben, umso wichtiger sein muss, sich deutlich von der alten Linie abzugrenzen. Und dieses vorrangige Ziel hat Obma mit Sicherheit auch erreicht. Seine Rede war gespickt mit Zitaten aus dem Koran und mit der - mancherseits kritisierten - Entscheidung der US-Administration für den Austragungsort Kairo zollte man zugleich dem (sunnitischen Mehrheits-)Islam in einem seiner ältesten theologischen Zentren Tribut.

Obama zeigte, und das ist nach einer Phase, in der Bush jun. mit Begriffen wie "Kreuzzüge" , "Krieg gegen den Terror" und "Achse des Bösen" den Diskurs einseitig geprägt hatte, besonders wichtig, dass es gemeinsame Werte gibt, auf die sich alle berufen: Gerechtigkeit, Fortschritt, Toleranz und Menschenwürde.

Die Bush-Administration hatte sich zwar in der Endphase ihrer Amtszeit um einen offensiven Zugang zur muslimischen Welt bemüht, aber das konnte, auf Grund der politischen Praxis in den Jahren davor an der allgemeinen Wahrnehmung der USA als feindliche Macht nichts mehr ändern Und genau in diesem möglichen Perspektivenwechsel liegt nun die Chance des neuen US-Präsidenten.

Dafür hat Obama bereits einige wichtige Akzente gesetzt: Er stellte klar, dass der Islam - abseits seiner persönlichen biographischen Verflechtung mit dem muslimischen Glauben - Teil der US-amerikanischen Identität ist. Er definierte es als seine Aufgabe, gegen anti-muslimische Stereotypen anzukämpfen, forderte aber umgekehrt auch von der muslimischen Seite, sich der identitären Fixierungen und der negativen Perzeption der USA zu entledigen. Zudem hat sich Obama von der US-hegemonialen Bevormundung des Rests der Welt verabschiedet und versucht, ein "Wir" -Bewusstsein zu konstituieren, das die Menschenrechte als höchste universale Instanz betont.

Eine erste Konsequenz dieser Haltung ist bereits erkennbar: Al-Qaida ist heute nicht mehr "bloß" Feind der USA und des Westens, sondern wird zunehmend auch von vielen Muslimen als Feind des Islams selbst wahrgenommen.

Natürlich müssen der Rhetorik nun auch konkrete politische Schritte folgen. Aber es sollte nicht mehr verlangt werden, als möglich ist. Und indem Obama die Konfliktherde in seiner Rede nicht ausgespart, sondern offen angesprochen hat, gibt es auch einen Indikator, an dem die folgenden Handlungen gemessen werden können. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2009)

 

Farid Hafez, Politikwissenschafter und Forschungsmitarbeiter am Institut für Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht an der Universität Wien, ist Mitbegründer der Muslimischen Jugend Österreich. In Kürze erscheint sein Werk "Islamophobie in Österreich"  gemeinsam mit John Bunzl.

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