Das große Weltenbaumeistertreffen

5. Juni 2009, 18:18
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Daniel Birnbaum und John Baldessari laden zum Kongress der Welterzeuger: Bildwerke prangen im Arsenale und in den Giardini

Daniel Birnbaum hat ein Weltenbaumeistertreffen einberufen. In Venedig findet es statt. Die 53. Kunstbiennale bildet den Rahmen, liefert diverse nationale Vorstellungen dessen, was "Welt" ist bzw. was diese Welt dann unbedingt braucht.

In Birnbaums Versammlung spielt die Herkunft der Baumeister dahingehend eine Rolle, als sie aus ihrer jeweiligen Ecke Material mitbringen, das befruchten soll. Das Nationalstaatliche ist nur indirekt präsent: im (auch österreichischen) Raunen darüber, nicht geladen zu sein. Was in der Versammlung, die an der Oberfläche natürlich eine Ausstellung ist, nicht im Geringsten stört - sie ist eine der großen ihrer Art. Und setzt vorrangig auf die Eigenart der Baumeister, auf die Vielheit an Materialien und Utopien, und auf das Thema: "Weltenbauen". Alles andere wäre Beschneidung, jedes enger gefasste Thema ein Verlust, jede übergeordnete Ausstellungsarchitektur ein Eingriff.

Aufbau und Erschütterung

Schließlich will Birnbaum, der Direktor der 53. Biennale, alles zeigen, was seine Weltsicht in steter Folge aufbaut und erschüttert. Oder auch nur sanft umlenkt. Das beginnt schon beim Urknall, dem in neuerer Zeit weithin unbestrittenen Anfang von allem. Einer gründenden Wucht, von der immer noch niemand Näheres weiß.

Birnbaum schlägt zwei Varianten vor: Als Auftakt im Arsenale lässt er golden schimmernde Fäden das Dunkel des Raums durchkreuzen, bringt Sinn ins Nichts, Wärme oder Fingerzeige, die Aufmerksamkeit irgendeines außenstehenden Schöpfers. Die so simple wie wirksame Installation zur Publikumsergreifung wurde nach einem Modell der 2004 verstorbenen Zentralfigur der südamerikanischen Moderne Lygia Pape realisiert. Der Rührung lässt Birnbaum dann gleich den Schock folgen: Aus dem Nichts gelangt man unmittelbar in gleißendes Licht, um dort vermittels Spiegeln auf sich selbst zurückgeworfen zu werden - und auf die Tatsache, unweigerlich zerstörend zu wirken.

Viele von Michelangelo Pistolettos Spiegeln sind zerbrochen, die Scherbenhaufen werfen das eigenen Antlitz in Stücke geschmettert zurück. Genau gegenläufig inszeniert Birnbaum den Auftakt am zweiten Schauplatz der Versammlung, im zentralen, bisher "italienisch" genannten Pavillon in den Giardini. (Das erweiterte Gebäude beherbergt jetzt die Bibliothek der Biennale, wird fortan "Palazzo delle Esposizione" gerufen und permanent mit Ausstellungen bespielt.)

Hier liegt schon eine Schöpfungsgeschichte samt Folgen hinter dem Eintretenden. Hier hat Kultur schon Ironie ermöglicht. "La Biennale" verspricht ein Tor ins Paradies zu sein. Konzeptkunstpionier John Baldessari hat das Haus mit einem Foto tapeziert: Das Tor soll unmittelbar an den Strand führen, zu Palmen, Meer und blauem Himmel. Dem folgt im Inneren ein komplexes Geflecht, das Zellstruktur sein könnte, ein Myzel, das Baldessaris Ironie zurücklässt und sich existenziell Wesentlichem widmet.

Die Struktur bildet im Kern eine Kammer: Die Behausung ist ortsunabhängig, in verschiedensten Welten installierbar. Ihre Machart offenbart dann aber ihren Ursprung im Hier und Jetzt. Der Argentinier Thomas Saraceno (geb. 1973) hat die Struktur zumindest im Wissen um Buckminster Fullers "Geodesische Dome" geschaffen. Sein Haus ist zugleich Abbild eines Universums, eine komplexe Verknüpfung vieler Galaxien.

Schwebend wird auch im Arsenale eine der Vaterfiguren präsentiert: Unauffällig lagern in Netzen unter dem Hallendach Kartonmodelle des Städteplaners Yona Friedmann (1923 in Budapest geboren; lebt in Paris). Seine Studien zu Kommunikation, Kunst und Soziologie haben Generationen von Jüngeren beeinflusst. Wen genau, lässt Birnbaum offen. Das ist auch nicht wesentlich. Er führt seine Schau im Arsenale als Abfolge von Einzelpräsentationen und dicht gepackten Gruppen weiter.

Moshekwa Langa (1973 in Südafrika geboren; lebt in Amsterdam) legt Straßennetze aus Stofffäden und lässt Modellautos zu den Konsumtempeln fahren, die längst die Güter selbst sind: zu Weinflaschen oder Zwirnspulen. Hector Zamorra (Mexiko) zeigt den Luftraum über Venedig voller Zeppeline, mobiler Architekturen unbenannter Herkunft.

Die Moskauer Künstlerin Anya Zholud (geb. 1981) lässt gekappte Kabelstränge aus den Wänden ragen, Reste einer vergangenen Kommunikationstechnologie. Den Auftakt zum Abschluss des "Weltenbauens" im Arsenale gibt Lara Favaretto, sie hat den kultivierten Park mit Baggern in einen Sumpf rückverwandelt. Ursprung und Kulturlandschaft stoßen aneinander. Ebendort lässt Dominique Gonzalez-Foerster alles offen: Ein Blick auf das Nachbargrundstück durch ein verfallenes Tor reicht ihr als Ready-Made. (Markus Mittringer aus Venedig, DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.06.2009)

  • Michelangelo Pistoletto wirft die Weltenbauer auf sich selbst zurück und zeigt zerschmetterte Zerstörer.
    foto: biennale/pistoletto

    Michelangelo Pistoletto wirft die Weltenbauer auf sich selbst zurück und zeigt zerschmetterte Zerstörer.

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