Vielfalt schlägt Vollkommenheit

5. Juni 2009, 18:01
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Weltbürger, Fürst derIntellektuellen, Feind der Gegenaufklärung und des Irrationalismus: Zum 100. Geburtstag von Isaiah Berlin

"Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache." Vielleicht wollte Archilochos, der Dunkle unter den frühgriechischen Dichtern, mit diesem lakonischen Sinnspruch nur darauf hinweisen, dass alle Schläue des Fuchses gegenüber dem Stachelbollwerk des Igels kapitulieren muss. Isaiah Berlin indes, der britische Ideenhistoriker russischer Herkunft, drehte das antike Haiku kurzerhand um und formte daraus eine bedenkenswerte, nicht ganz tierisch ernst gemeinte Zweiteilung literarischer und philosophischer Geister: Igelhafte Systematiker auf der einen, füchsische Sammler auf der anderen Seite. Universalisten gegen Fragmentisten. Oder, wie der Autor es selbst benennt: Monisten gegen Pluralisten.

Berlins luzide philosophische Untersuchungen galten beiden, seine Sympathie aber gehörte den Füchsen. Zu den Igeln, die er kritisch beäugte, gehören Descartes, Hobbes, Joseph de Maistre, Hegel, Karl Marx, Bakunin oder der "Abendland" -Grabsänger Oswald Spengler. Den Füchsen zählte er allen voran seinen russischen Landsmann Alexander Herzen zu, dann Hume, Herder, Vico und, überraschend, Machiavelli. Die Gattungstrennung reicht zurück bis in den philosophischen Ahnenhain, wo der Igel Plato gegen den Fuchs Aristoteles anzutreten hat (und Berlin sich selten blicken ließ).

Mit seinem leidenschaftlichen Plädoyer für das vorurteilsfreie, nonkonformistische Denken begründete Isaiah Berlin mitten im Kalten Krieg seinen Ruf als einflussreichster politischer Philosoph im angelsächsischen Raum, bei dem Staatsmänner wie Macmillan, Kennedy oder Michael Gorbatschow, Churchill, Anthony Eden, Chaim Weizmann oder Ben Gurion Rat suchten. "I am a Berliner" galt unter Oxfords Gelehrten als Passwort zur intellektuellen Elite.

Sein Einfluss gründete auf der ideengeschichtlich gewonnenen Einsicht: Vielfalt schlägt Vollkommenheit. Wer (außerhalb der Naturwissenschaften) eine Wahrheit in Händen hält, muss dulden, dass die Wahrheit in der Hand seines Gegenübers ebenfalls Geltung verlangt. Aber gibt es denn nicht die eine, unteilbare, ihrem Anspruch nach allein seligmachende Wahrheit? In der modernen Gesellschaft nicht: Freiheit verlangt Vielfalt. Entweder es herrscht Vielfalt - oder die Einfalt der Einschränkungen, Wahrheitsverordnungen. Die können Religion heißen oder Ideologie, Weltanschauung oder philosophisches System - sie vergiften die Quellen, aus denen vielerlei Wahrheitswasser fließen.

Vollkommenheit ist das Verführungswort der Aufklärung, das zugleich deren Verhängnis birgt. Im Namen der Vollkommenheit wurden Utopiegebäude, Ideenverliese, Endziele für Geschichte und Gesellschaft ersonnen, die sich als Gefängnisse und Hinrichtungsstätten für Hekatomben von Menschen erwiesen haben. Berlin hat sein Säkulum, in das er vor hundert Jahren, am 6. Juni 1909, als einziges Kind wohlhabender jüdischer Eltern in Riga hineingeboren wurde und das er 1997 als geadelter Sir Isaiah, als "Fürst der Intellektuellen" , wieder verließ, durchschritten wie eine Allee: umwölbt vom schattenspendenden Grün des Oxforder Liberalismus, aber umtobt von den mörderischen Entladungen jener totalitären Ideen, deren Ursprung er unermüdlich nachforschte.

Mit seinen Eltern war er 1919 auf der Flucht vor den Folgen der russischen Oktoberrevolution nach England gekommen. Früh hatte er erfahren müssen: Ideen können Spielbälle sein - oder Kanonenkugeln. Dem todbringenden Terror dogmatischer Denksysteme war er dank der frühen Emigration seiner Eltern gleich zweifach entkommen: Als Jude der Mordmaschine des NS-Rassismus, als politischer Philosoph dem stalinistischen Vernichtungsfuror. Jedem seiner in zahlreichen Essays übermittelten Erkundungsgänge durch die geistesgeschichtlichen Wandelhallen der Neuzeit ist diese erkenntniskritische Grunderschütterung anzumerken.

In seinem Jahrhundert hatte sich die Prophezeiung Alexander Herzens von den Menschenopfern erfüllt, die auf dem "Altar der Abstraktionen" dargebracht würden. Als unheilvolle Abstraktionen zeigen sich jene überindividuellen Geschichtskonstruktionen von Nation, Rasse oder Klasse, die, einmal erdacht, zumeist nicht mehr unter Kontrolle gehalten werden können. Sie entwickeln "ein Eigenleben, einen eigenen Willen, verhalten sich wie Frankensteins Monster" und erweisen sich, fundamentalistisch verschärft, als Initialzündungen für Gewaltorgien, bis hin zur Menschenausrottung. "Die bereit sind, sich für eine Idee zu opfern, sind auch bereit, andere dafür zu opfern" , konstatierte Arthur Koestler, gleichfalls Emigrant im liberalen England, wenn auch außerhalb von Berlins Freundeskreis. Den unheilvollen Abstraktionen überindividueller Erlösungskonzepte müssen wir heute, als eine Wiederholung von Geschichte, den absoluten Wahrheitsanspruch sektiererisch missbrauchter Religionen hinzufügen.

Den Verwüstungen der Freiheit setzte Berlin einen konsequenten individualistischen Liberalismus entgegen. In seinem berühmten Essay "Two Concepts of Liberty" (1958) beschwor er in imaginärem Disput mit Kant und Benjamin Constant eine doppelte Freiheit: Die "negative Freiheit" von jeglichem äußeren Zwang, die fortwährend neu erkämpft werden muss (sein Freiheitsbegriff wurde daher treffend "agonistischer Liberalismus" genannt). Und die "positive Freiheit" , die zwar dem Einzelnen die Rechte und Möglichkeiten autonomer Selbstverwirklichung zu sichern hat, den inkommensurablen Wertekonflikt von Freiheit und Gleichheit aber, wie Berlin ihn sah, nicht aufzuheben vermag.

Kant, von dem er die Einsicht bezog, dass der Mensch Zweck an sich und nicht Mittel zu einem Zweck sei, rief er auch gern zum Kronzeugen für seine anthropologische Einschätzung der tendenziell tragischen, weil antagonistischen Natur von Moral und Politik auf: "Es hat nie einen strengeren Moralisten als Immanuel Kant gegeben, aber selbst er erklärte in einem Augenblick der Erleuchtung: ‚Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.‘"

Das Eine und die Vielen

Sein jedem rationalistischen Ordnungsschema abholder Freiheitsentwurf, mehr noch aber die pluralistische Methode seiner Ideenrundschau führte Isaiah Berlin zur Auseinandersetzung mit zahlreichen Exponenten der "Gegenaufklärung" und mit jener "Revolte gegen den Mythos einer idealen Welt" , als die er die Romantik bezeichnete (und die er zu den großen Gewinnposten der europäischen Geistesgeschichte zählte).

In den Konzepten der Romantik findet er die Dialektik von Individualismus und Solidarität, von Selbstverwirklichung und überindividuellem Zugehörigkeitsgefühl widergespiegelt. Indes: "Den Verfechtern eines romantisch gefärbten Individualismus kommt es nicht auf die grundlegenden Gemeinsamkeiten, sondern auf die Unterschiede an, nicht auf das Eine, sondern auf die Vielen; für sie ist das Streben nach Einheit - die Erneuerung der Menschheit durch Wiedergewinnung einer verlorenen Unschuld und Harmonie, die Rückkehr aus einem zerfallenen Dasein in ein allumfassendes Ganzes - ein kindischer, gefährlicher Wahn: wer alle Verschiedenartigkeit und alle Konflikte um der Einförmigkeit willen tilgt, der, so meinen sie, tilgt das Leben selbst."

Berlins großes Verdienst liegt hier in der hermeneutischen Akribie, mit der er die Ideen mancher Romantiker und deren Wegbereiter von ihrer Wirkungsgeschichte zu trennen weiß. Am meisten kommt diese Perspektive Herder zugute, dessen kulturellen Nationalismus er vor dem später, von der Nachwelt, daraus entwickelten politischen Nationalismus emphatisch in Schutz nimmt. In Herder erkennt er den Bahnbrecher der Gleichberechtigung kultureller Mannigfaltigkeit aller Völker und damit den Mitstreiter im Kampf gegen den Universalismus einer Einheitskultur.

Abwegig erscheint zunächst die Rechtfertigung Machiavellis als Pionier des Pluralismus. In seiner politischen Theorie habe Machiavelli als erster auf die prinzipielle Unvereinbarkeit der christlichen Ideale mit der antiken Auffassung öffentlicher Tugend aufmerksam und damit den Weg frei gemacht für das, was Berlin "Wirklichkeitssinn" nennt: Die Koexistenz ideeller Konzepte und den Zwang zu Empirie, Kompromiss und Toleranz. "Toleranz ist historisch das Ergebnis der Einsicht in die Unversöhnbarkeit gleichermaßen dogmatischer Glaubensüberzeugungen und in die praktische Unwahrscheinlichkeit des vollständigen Sieges der einen über die anderen. Wer überleben wollte, machte sich klar, dass er den Irrtum tolerieren müsse."

In seinen Essays zu Nationalismus und Gegenaufklärung inspiziert Berlin die große Rüstkammer des reaktionären Irrationalismus, in der sich autoritäre Menschenverhetzer und Volksverführer bis heute ihre Waffen holen. Diese Waffen wurde durch die Geschichte nicht stumpf gemacht, sondern bleiben, wie er etwa am Scharfsinn des Glaubensfanatikers de Maistre zeigt, gefährlich geschärft. Der königlich-sardische Abgesandte de Maistre befürwortete einst am Hof des Zaren Alexander I. in St. Petersburg Leibeigenschaft und Unterdrückung. Der königlich-britische Emissär Isaiah Berlin tat anderthalb Jahrhunderte später im sowjetischen Leningrad das Gegenteil: Er besuchte die verfemte Dichterin Anna Achmatowa und schmuggelte das Manuskript von Doktor Schiwago seines Freundes Boris Pasternak in den Westen. Auch damit verkörperte er die kantische Idee des Weltbürgers und bewies: Es gibt doch einen Fortschritt in der Geschichte. (Oliver vom Hove, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.06.2009)

Von Isaiah Berlin erschien zuletzt auf Deutsch: "Das krumme Holz der Humanität" . € 19,90/288 Seiten; Berlin Verlag, Berlin 2009

(Gemeinsam mit Harry Maor) "Der Igel und der Fuchs. Essay über Tolstojs Geschichtsverständnis" . € 12,90/104 Seiten. Bibliothek Suhrkamp, Berlin 2009

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    Isaiah Berlin: Den unheilvollen Abstraktionen über-individueller Erlösungskonzepte müssen wir heute den absoluten Wahrheitsanspruch sektiererisch missbrauchter Religionen hinzufügen.

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