Venedigs hässliches Hinterland

5. Juni 2009, 17:35
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Donna Leons "Das Mädchen seiner Träume"

Im neuen Roman von Donna Leon wird der Leser gleich zu Beginn auf Moll eingestimmt. Das Begräbnis von Commissario Brunettis Mutter bildet die Brücke zu den weiteren Geschehnissen. Der Priester, der bei der Zeremonie anwesend ist, erscheint bald darauf in der Questura, um sich über einen sektiererischen Kollegen zu beschweren. Der soll dubiose Lehren verbreiten und seinen Schäfchen nicht wenig Geld abluchsen. Brunetti, der von Klerus und Religion im allgemeinen nichts hält, wird von Nachforschungen bald abgelenkt, als er die Leiche einer elfjährigen "Nomadin" aus dem Wasser fischt. Die Kleine, die an einer Geschlechtskrankheit litt, war offensichtlich während ihrer "Arbeit" als Diebin in den Kanal gefallen - oder wurde sie erwischt und hineingeworfen?

Brunetti, den das tote Kind bis in den Schlaf verfolgt, muss zum Camp der Fahrenden, irgendwo im Niemandsland hinter Venedig und stößt da an seine Grenzen. Die Autorin schildert die brutalen patriarchalen Machtstrukturen des Clans, die Feindseligkeit gegenüber den Polizisten, die aus den schlechten Erfahrungen gespeist wird, aber auch die Frustration der Ordnungshüter, weil sie gegen die kriminellen Minderjährigen nichts unternehmen dürfen. Die Eltern der Toten haben lange Vorstrafenregister und verwei-gern jegliche Kommunikation. Ambivalenz ist eine Art Leitthema des mittlerweile siebzehnten Venedig-Krimis mit Commissario Brunetti. (Ingeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.06.2009)

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www.krimiblog.at

Donna Leon, "Das Mädchen seiner Träume" . Deutsch: Christa E. Seibicke. € 22,60/351 Seiten. Diogenes, Zürich 2009

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