Russische Revolution

5. Juni 2009, 17:29
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Im Vorfeld der Londoner Auktionen: Der lokale Markt schwächelt, international ist momentan russische Kunst gefragt - Eine Analyse

Gemessen am weltweiten Markt-Kuchen hält Russland mit weniger als zwei Prozent einen Anteil der Kategorie Brösel. Demgegenüber steht allerdings ein wesentlicher Einfluss russischer Kaufkraft. Allein in den vergangenen fünf Jahren verzeichnet der internationale Markt dort eine massiv steigende Nachfrage, sowohl für Artifizielles russischer Provenienz (mit einem Wachstum von 70 Prozent jährlich) als auch für die Sparten Impressionist, Modern und Contemporary. Zu diesem Ergebnis kommt die von der TEFAF (The European Fine Art Fair) beauftragte und im März veröffentlichte Studie ("Globalisation and the Art Market" ).

Diese wartet mit imposanten Ziffern auf: Russische Millionäre gebe es derer rund 140.000, wovon zumindest 200 branchenbekannte Sammler von und Investoren in Kunst seien und sich längst auf der internationalen Spielwiese des Kunstmarktes zu bedienen wissen. Im Vergleich zur Performance deutscher und österreichischer hat russische Kunst seit 2000 massiv an Terrain gewonnen: 2007 belief sich der außerhalb Russlands weltweit für diese Sparte verzeichnete Umsatz auf 730 Millionen Euro, wovon die Auktionshäuser rund 350 Millionen beisteuerten. Auf erste Tuchfühlung waren die Marktführer Sotheby's und Christie's bereits vor Jahrzehnten gegangen. Im Auftrag der jeweiligen Machthaber versteigerte Christie's in den 1920er-Jahren Juwelen, in den 60er-Jahren dann Porzellan. In den westlichen Metropolen veranstalteten die beiden Player seit den 70er-Jahren immer wieder Spezialauktionen, ab Mitte der 80er-Jahre gehörten sie in London zum fixen Repertoire, ab Anfang der 90er-Jahre dann auch in New York.

Lokal blieb der noch unter den Nachwehen des Kommunismus leidende Kunsthandel hinter der internationalen Entwicklung zurück. Die Tradition des Sammelns blieb den öffentlichen Institutionen vorbehalten, private Ambitionen gab es allenfalls in den Reihen hochrangiger Parteifunktionäre. Bis 2003 - und dem damaligen Höhenflug der russischen Wirtschaft - blieb die parallel laufende internationale Entwicklung der Verdienst einiger Sammler und der vorwiegend in den USA und in Europa verstreuten Exilrussen-Community.

Moskau - Stadt der Reichen

Die Zäsur kam mit dem wachsenden Reichtum, der sich vor allem in Moskau konzentrierte - dort, so die Studie, würden mit 27 Milliardären so viele leben, wie in keiner anderen Stadt weltweit. Die lokalen Auktionshäuser scheinen davon allerdings weniger zu profitieren als die internationalen.

Im Jahr 2000 verzeichneten Christie's und Sotheby's in den einschlägigen Departments einen Jahresumsatz von 13,28 Millionen Euro; von 2004 scheffelte man 55 Millionen, 2005 überschritt man mit 114,5 Millionen die erste, 2007 mit 235,25 Millionen die zweite magische Grenze. Die vergangenes Jahr eingespielte Bilanz betrug 201,75 Millionen Euro und gilt - wegen des derzeitigen globalen Abschwungs - wohl eher als eine ambitionierte Vorgabe für die heuer auf dem Programm stehenden Spezialauktionen.

Die im April in New York abgehaltenen Versteigerungen liefen ganz passabel: Mit einer Verkaufsquote von 69 Prozent notierte Christie's einen Tagesumsatz von 13,22 Millionen Dollar, Sotheby's mit einem nach Positionen geringeren Absatz (64,9 Prozent) 13,84 Millionen Dollar.

Jetzt stehen in London die nächsten Zwischenprüfungen bevor. Am 9. Juni offeriert Christie's knapp 200 Kunstwerke der Kategorie Establishment. Deutlich umfangreicher hat Sotheby's akquiriert und verteilt bildende und angewandte Kunst vom 8. bis 10. Juni in fünf Sitzungen. Experimentierfreudig widmet man jungen russischen und ukrainischen Zeitgenossen erstmals eine eigene Auktion. Etablierte Gourmethäppchen reicht man im Rahmen des Evening Sales: darunter Boris Kustodiev's Dorffest von 1920 (1-1,5 Mio. Pfund), ein seit den 50er-Jahren verschollen geglaubtes Hauptwerk von Isaak Brodsky (Nanny mit Kindern, 300.000-500.000 Pfund) oder zwei rare Kostümentwürfe von Léon Bakst zu Le Dieu bleu (1911), deren Verve - passend zum 100-jährigen Gründungsjubiläum der Ballets Russes - auch auf der Bühne des Marktes zu begeistern versteht. (Olga Kronsteiner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 06./07.06.2009)

  • Léon Bakst: Kostümentwurf für einen Hinduprinzen ("Le Dieu bleu" ) von 1911 (15.000 bis 20.000 Pfund).
    foto: sotheby's

    Léon Bakst: Kostümentwurf für einen Hinduprinzen ("Le Dieu bleu" ) von 1911 (15.000 bis 20.000 Pfund).

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